berliner szenen: Einfach nur sehr dolle streicheln
Ich bin mit Anouk und Cedric auf dem Spielplatz auf der Plansche am Weißen See.
Anouk sitzt mit Schaufel, Förmchen und Schneeanzug im Sandkasten. Es ist kalt, aber die Sonne scheint. Auf dem Kletterschiff hält ein Junge einen anderen im Schwitzkasten.
„Oskar!“, ruft die Frau auf der Bank neben uns. „Hör auf, Lovis zu hauen! Er ist dein kleiner Bruder.“ Sie scheint die Mutter der beiden zu sein.
„Ich haue nicht“, ruft Oskar zurück. „Ich streichel nur dolle.“ Lovis sieht dabei aber nicht glücklich aus. „Das ist lange her, dass ich mit Marie und Flora auf Spielplätzen war“, sage ich zu Cedric. „Vermisst du es?“
„Ein bisschen.“ „Tja“, sagt Cedric. „Die Gnade der späten Geburt.“ „Wohl eher die Gnade der späten Vaterschaft.“ Anouk patscht Sand in ein Förmchen und strahlt uns an. „Kuuuchen!“, ruft sie.
Auf dem Schiff weint Lovis. Oskar streichelt ihn immer noch sehr dolle. Neben uns steht die Mutter auf und geht seufzend zu den beiden hinüber. Sie pflückt sie so routiniert auseinander wie eine Krankenschwester ein Heftpflaster von der Haut. Und dann sind sie plötzlich erwachsen, denke ich.
„Wie alt bist du eigentlich, wenn Anouk achtzehn wird?“, frage ich Cedric. Er sieht mich böse an. „Sorry“, sage ich. „In unserem Alter sollten wir im Moment leben“, sagt Cedric. „So wie Anouk. Das ist besser für unser seelisches Wohlbefinden.“
Oh je, das klingt nach Midlife-Crisis. Aber er hat natürlich Recht. „Anouk“, sage ich. „Wollen wir eine Sandburg bauen?“ Anouks Augen leuchten. „Wir brauchen Feenstaub und eine Fahne für den Turm.“ Luftschlösser und Sandburgen bauen kann ich wie kein zweiter. Anouk klatscht in die Hände.
Auf dem Kletterschiff heult jetzt Oskar. Im Moment leben, denke ich, hebe ein Stöckchen auf und gehe zu Anouk. Daniel Klaus
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