berliner szenen: Die anderen machen Urlaub
Es ist Samstag und sehr heiß. Ich stehe an der Kasse des Supermarkts mit ein paar Zitronen und zwei Litern Apfelsaft für eine Freundin, die ich gleich im Krankenhaus besuchen will, sowie einem Liter Wasser für den obdachlosen Mann, der im Schatten vor der Tür sitzt. Ich bin noch ziemlich verschlafen.
Gestern Nacht wurde es lang am Ufer des Landwehrkanals inmitten von vielen anderen. Vor uns lag ein Mann in seinem kleinen Urlaub auf einer Decke, er knackte Kürbiskerne mit den Zähnen, blickte auf das Wasser zu den Schwänen und aus seinem Handy tönten italienische Schlager. Wir sprachen über die Sommernächte in Berlin, wenn die Luft warm und weich ist und die Menschen draußen sitzend ein mediterranes Lebensgefühl nachahmen, um dem Urlaub vor- oder nachzuspüren. Schön, fanden wir.
„Guten Morgen“, sagt der Kassierer jetzt, während er die Zitronen durchzieht und ich lache: „Guten Morgen ist gut und stimmt sogar. Sieht man mir das an?“ Er zuckt die Achseln und nimmt den Saft in die Hand. „War ein Test, aber ein voller Treffer. Ich probiere das heute immer mal, um zu sehen, wie die Leute reagieren so um“, er sieht auf seine Uhr „dreizehn Uhr.“ Er grinst. „Bisschen Fun muss ich haben, wenn alle anderen Wochenende oder Urlaub haben.“ Ich nicke mitfühlend, zahle und wünsche ihm dann einen guten Morgen. Er grinst.
Draußen gebe ich dem Mann vor der Tür das Wasser und eine Münze. Er lächelt und sagt: „Danke, schöne Prinzessin.“ So nennt er jede Frau, die vorbeikommt. Ich höre es trotzdem immer wieder gern und bemerke unnützerweise: „Es ist sehr heiß heute.“ Dabei zeige ich in den Himmel. „Egal“, sagt er, „ich mach heute nix.“
„Urlaub?“, frage ich und hoffe, er versteht es nicht falsch. Er hebt den Daumen, zwinkert und ich muss lächeln. Isobel Markus
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