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berliner szenenHabermas als Datinghilfe

Gestern noch las ich Habermas auf den Stufen der Staatsbibliothek, die gar keine Stufen hat, wie mir gerade einfällt, als ich in der Uckermark den Sonnenuntergang bestaune. Habermas’ legendäre Theorie des kommunikativen Handelns sollte mir helfen, eine superkluge Kommilitonin zu einem zweiten Date zu überreden. Unseligerweise kann sie mich nicht mehr leiden, seit ich ihr letzte Woche ins Gesicht gesagt habe, dass ihr Vortrag über die synkopischen Schwankungen des Genitivs in der alemannischen Sprache nicht so gelungen war, wie Professor Grunz uns andere „Dummköpfe“ im Seminar glauben machen wollte. Aber lassen wir das. Sie bekam ein Lob und ich eine Abfuhr, trotz Habermas, der sowieso überholt ist, wie jeder weiß, der je versucht hat, mit seiner Hilfe ein Date klarzumachen.

Ich frage mich ernsthaft, welche Ziele ich im Leben noch habe. Warum gerade heute, weiß ich nicht. An diesen Punkt kommen wir Menschen alle mal und es ist wichtig, dann ehrlich zu sich zu sein. Leider habe ich mit der Ehrlichkeit meine Probleme. Nicht nur, wenn mir die Wahrheit unter den Nägeln brennt wie bei Lina, der Kommilitonin, sondern vor allem, wenn ich glaube, eine Lüge sei angemessener. Nicht, dass ich ein geborener Lügner bin, aber in heiklen Situationen finde ich diesen rhetorischen Wagenheber so unentbehrlich, wie ein Equilibrist im Zirkus das Netz unter sich. Auf das Gleichgewicht kommt es an. Das sagt Mia immer. Mia ist mein beste Freundin.

Damit ich den Kopf wieder frei bekomme, hat sie mir am Morgen ihr Cabriolet geliehen. Aber nur für zwei, drei Stunden, am Abend hätte sie ein lebenswichtiges Date. Offenbar hat sie seit Längerem nicht getankt, was ich leider erst bemerkte, als der Traumwagen mitten im Nirgendwo seinen Geist aufgab. Typisch Mia! Henning Brüns

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