berliner szenen: Trouble am Bahnhof Südkreuz
Ich stehe in der Schlange vor dem Supermarkt. Unter der Maske beschlagen meine Brillengläser. Dann ein dumpfes Klatschen. Direkt neben mir hat eine Securitykraft einen Treber ins Gesicht geboxt. Ich nehme die Brille ab, sehe, wie der Mann taumelt, sich kurz vor dem Boden wieder fängt. Und auf den Supermarktwächter zugeht, der ihm erneut droht. Eine Freundin des Manns fleht den Security an, nicht weiterzumachen. Ich gehe im Krebsgang Richtung Polizeiwache, dort rütteln schon zwei Männer an der Tür.
Mit etwas Verzögerung schwärmen die Beamten aus, zwei Frauen, die sich um das Opfer kümmern, und ein Mann, der die Personalien des Wachmanns aufnimmt: „Ich kenne die Kumpel, ja, aber trotzdem ist das Körperverletzung.“ Leicht geschockt betrete ich den Supermarkt, ziehe eine Lauchstange, Bacon und Champignons aus den Stiegen. Schaufle zwei Packungen Gummibärchen in meinen Korb. Dieses Erlebnis verstärkt meine Gefühlslage.
Seit dem Angriff auf die Ukraine verfolge ich täglich die Posts von Bekannten, Sergij in Charkiw, der Medikamente in die Stadt fährt, die Bilder von Lesungen und Konzerten in den Bunkern, die Liveticker über den Krieg und fühle mich paralysiert. Vielleicht ist paralysiert nicht das richtige Wort, ich mache ja nicht nichts, aber ich habe den Eindruck, ich mache die ganze Zeit dasselbe, um keine Entscheidungen treffen zu müssen. Wie diese Pasta Bolognese, deren Reste heute schon zum dritten Mal – gestreckt mit Nudelwasser – auf dem Tisch dampfen.
Die Polizisten nehmen immer noch Aussagen auf, ich stehe unschlüssig daneben. Soll ich mich als Zeuge melden?
Über dem Bahnhof Südkreuz hängt ein gleißender Abendhimmel, irgendwie irritierend schön. Der Mond, dessen Konturen ausfransen, beruhigt mich für einen Moment. Timo Berger
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