berliner szenen: Parasiten im Museum für Naturkunde
Wo sind die Saurier?“, fragt der Dreijährige.
„Na da“, sage ich, „hinter dir.“
Mein Sohn schaut auf die imposant filigranen Knochenklettergerüste.
„Bitte weiter?“, sagt er. Sein Vater hatte ihm Videos versprochen.
Tristan, der Berliner T-Rex, ist zurzeit nicht da. Urlaub/ Mutter-Kind-Kur? Keine Ahnung. In seinem Zimmer im Museum wohnen derzeit Parasiten. Sonderausstellung. Das Kind steht völlig fasziniert vor einem Bildschirm, auf dem in hundertfacher Vergrößerung eine Larve mit einer Pinzette aus der Haut einer Katze gezogen wurde.
„Mama, Video!“, flötet das Kind.
Am Nachmittag sind wir noch mal unterwegs. Kind braucht einen neuen Sonnenhut. An der Kasse Wutanfall wegen Plastescheiß, den ich nicht kaufen will, nachdem ich ihm schon zwei Spielzeuge im Naturkundemuseum gekauft habe. „Leg das zurück“, sage ich, „wenn du damit rausrennst, geht die Sirene an.“ Bescheuerte Drohung, denke ich, lauter als dieses Geschrei ist keiner.
Die Sirene geht nicht an. Das schreiende Kind steht, den Plastescheiß umklammernd, vor dem Geschäft in der Mall. Ich bin still wütend, das Kind ist lautstark sauer. Keine Ahnung, wie wir da wieder rauskommen sollen. Wenn er den Plastescheiß weiter so zerknautscht, muss ich ihn eh bezahlen.
Plötzlich steht eine kleine rundliche Frau mit offenem Portemonnaie neben mir: „Bitte, was kostet Spielzeug? Ich kaufe es ihm.“
„Was nein“, sage ich, „es geht nicht ums Geld.“
„Bitte, darf ich?“
Wie die gute Fee im Märchen geht sie zu dem weinenden, mutterseelenalleingelassenen Kind, gibt ihm einen Fünfeuroschein und drückt das schluchzende Wesen an ihren Busen. „Ist wieder gut“, sagt sie, streicht ihm über die Wange und verschwindet. Lea Streisand
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