berliner szenen: Hässliche Anzüge und Krawatten
Sonntagmittag, Bahnhof Friedrichstraße. Wir sind auf dem Weg nach Hause. Eine Familienfeier im Norden und fünf Stunden Zugfahrt liegen hinter uns. Mit Kind reist man früh am Tag. Zwei junge Leute vom Sicherheitsdienst stützen einen alten Mann auf Krücken auf dem Weg zur S1. Wir umschiffen die drei mit Koffer und Kinderwagen.
Wir sind erprobte Bahnreisende, mittlerweile sind wir schon so routiniert, dass Paul und ich uns nur noch kurz anbrüllen, bevor wir uns auf den Weg machen, früher hab ich meistens auch noch geheult. Reisekrankheit haben wir, und zwanghaft sind wir unter Stress bis zur Taschentuchkante.
Eine Gruppe junger Leute kreuzt unseren Weg. Sie tragen hässliche Anzüge, Krawatten und braun-gelb gestreifte Schals um den Hals, Indor steht drauf. Es ist mir schrecklich peinlich, aber ich weiß sofort, wen die Jugendlichen darzustellen versuchen, Sekunden, bevor ich die Rufe höre: „Expelliarmus!“ Und: „Stupify!“ Ich schäme mich in Grund und Boden. Ich wende den Blick ab, um denen der Nerds nicht zu begegnen. Ich habe Angst, sie könnten die Verachtung in meinen Augen sehen. Ich will mit ihnen nichts zu tun haben.
Denn ich bin der größte Harry-Potter-Fan aller Zeiten. Ich habe die Schriften der J. K. Rowling analysiert und durchdrungen. Kenne jedes Wort und jeden Film. Ich würde niemals auf die Idee kommen, die intellektuelle und komödiantische Großleistung dieses Werkes durch eine alberne Maskerade zu entweihen. Meine Aneignung funktioniert im Kopf, ich muss mir kein stinkendes Polyester umhängen. Ich begnüge mich mit dem Betrachten, Durchdenken und Nachempfinden. Ich will nicht Teil dieser Welt werden, wie soll das gehen? „Harry Potter“ ist Kunst.
„Nun hab dich doch nicht so“, sagt Paul, „ist doch nur Fasching.“ Lea Streisand
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