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berliner szenenUnd plötzlich lächeln alle

Ringbahn Donnerstagmittag. Ein Mann sitzt unbemerkt auf einem der Dreiersitze in der Wagenmitte und schläft. Sein Kopf ist auf die Brust herabgesunken, sein graues langes Haar ist dicht und verfilzt wie eine Fellmütze. Er schnarcht leise. Neben dem Alten sitzt ein junger Mann. Er lächelt mich an und schreibt mit Füller in ein gebundenes Buch. Kleiner Hemingway, denke ich.

Ich betrachte die Hände des Alten. Sie sind riesig, geschwollen wie Luftballons und braun wie altes Leder.

Messe Nord steigt ein junger Türke ein. Man hört es, weil er laut telefoniert. Er stellt sich neben den Schlafenden. Als die Bahn mit einem Ruck anfährt, rutscht dem Alten eine Tafel Schokolade aus der prall gefüllten Umhängetasche. Als der Telefonierer sich bückt, um sie aufzuheben, macht die Bahn erneut einen Satz. Der alte Mann droht nach vorne zu kippen. Hemingway und der Telefonierer greifen gleichzeitig zu und stützen den Mann, schieben ihn sanft zurück auf den Sitz.

„Hey Großer“, versucht Hemingway den Mann zu wecken. „Hey Mann, Ihre Schokolade!“, nuschelt der Türke und legt die Tafel neben ihn. Hemingway kramt in seinem Rucksack und fördert einen Latexhandschuh zutage. Kriegsreporter, denke ich, Streetworker, Sozialarbeiter, Arzt. Irgendwie so was. Deshalb behandelt er den Schlafenden wie einen Menschen.

Der Mann erwacht, hebt den Kopf und dankend eine seiner riesigen Hände. Das Gesicht ist verquollen, man sieht die Augen kaum. „Pass auf, deine Tasche zieht dich runter“, sagt Hemingway freundlich, „stell sie lieber neben dich.“ Nee, denke ich, dann kann sie doch geklaut werden. Außerdem wärmt sie, wenn sie auf dem Schoß liegt. Wie eine Katze.

„Ich steig jetzt aus“, sagt Hemingway, „pass auf dich auf, Großer!“ Der Mann ­lächelt gütig und zieht einen Schokoweihnachtsmann aus seiner Tasche. Hemingway guckt irritiert. „Is do Weihnachten“, grummelt der Alte. Und plötzlich lächeln irgendwie alle. Der ganze olle S-Bahn-Wagen. Lea Streisand

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