berliner szenen: Wie Kuppel ohne Reichstag
Was macht ihr da?“, frage ich. Ich bin gerade zur Tür hereingekommen. Ida und Maria sitzen am Küchentisch und haben ihre Köpfe über irgendetwas zusammengesteckt. „Ein Experiment“, sagt Ida, ohne aufzublicken.
„Das haben wir heute im Kindergarten auch mit Nadine gemacht“, ergänzt Maria. Nadine ist ihre Erzieherin. Aha, das klingt gefährlich, denke ich und trete näher. „Und was ist das?“ Ich zeige auf etwas, das Ida in der Hand hält und was ich nicht identifizieren kann.
„Das ist eine Pipette, Papa“, sagt Ida mit leicht genervter Stimme.
„Okay, da ist Wasser drin“, sage ich. „Und da liegen zwei 5-Cent-Stücke.“
„Wir versuchen herauszufinden, wie viel Wassertropfen auf die Münzen passen, ohne dass das Wasser überfließt“, unterbricht mich Ida. „Bei mir waren es eben 40 und bei Maria 47 Tropfen.“
„Wahrscheinlich habe ich kleine Tropfen gemacht“, sagt Maria.
„Ihr könnt schon so weit zählen“, sage ich erstaunt. Wann hat meine Tochter all diese Sachen gelernt?
„Schau mal, Papa. Die Tropfen fließen zusammen und bilden eine Haut. Und dann sieht es ein bisschen so aus wie ein durchsichtiger Wackelpudding, der nicht wackelt.“
„Ein Wackelpudding, der nicht wackelt?“
„Oder wie die Reichstagskuppel, nur ohne Streben und Reichstag“, sagt Maria.
„Wahnsinn“, sage ich. „Darf ich auch mal?“
„Hast du ein 5-Cent-Stück?“
Ich krame in meinem Portemonnaie und fische eine Münze heraus. Ida reicht mir die Pipette.
„Du musst die Hand ganz ruhig halten“, sagt Maria.
Ich setze mich zu den beiden an den Küchentisch und träufele mit 38 Tropfen die Reichstagskuppel auf ein 5-Cent-Stück, bevor der 39. Tropfen alles einstürzen und zerfließen lässt. Daniel Klaus
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