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berliner szenenEs war in dieser Stadt gewesen

Die Münzstraße wirkte um zwanzig Jahre verjüngt. Der Mond schien helle, kein Verkehr, ein paar Betrunkene fielen aus dem Alt-Berlin wie aus der Zeit. Der Gastgeber hatte seinen Namen non­chalant über das Klingelschild der Wohnungseigen­tümer geklebt und alle eingeladen.

Es dämmerte schon, als wir eintraten. Prophylaktisch rekapituliertest du die Vorteile des späten Gastes: Auf Geschenke und Etikette wird gepfiffen, Tanzfläche und Gäste sind voll, die Stimmung gelöst. Meinen verzweifelten Blick aufs leer gefressene Büfett pariertest du, indem du mir die Hand zum Tanz reichtest. Wie schön, du warst in deinem Joggingdress.

Gerade lief „Dream On“ von Aerosmith, da entdeckte ich sie. Sie saß auf dem Sofa, die Hand schützend vors Gesicht gebreitet wie einen Fächer, auf den Knien eine Schachtel Kleenex. Einmal hatten wir uns gekannt, vielleicht sogar geliebt. Es war in dieser Stadt gewesen, nur dass die Stadt eine andere gewesen war, und wir, wir waren auch andere gewesen.

Ich hatte das Gefühl, sie an etwas erinnern zu müssen. Ich bahnte mir einen Weg zu ihr, aber sie war fort. Auf ihrem Platz saß ein älterer Herr. Er sah mich freundlich an und erklärte, er habe Edgar Allan Poe noch persönlich gekannt. Der Meister des Halbdunkels sei übrigens ganz diesseitig begabt gewesen, im Saufen zum Beispiel, sagte er. Er musste mein ­Misstrauen bemerkt haben, denn er unterbrach seine Rede. Mit dem Finger deutete er auf einen langsam sich ausbreitenden Fleck auf meinem T-Shirt. Wir lachten und stießen mit unseren Gläsern an. All das dauerte unendlich lange.

Als ich erwachte, war es Winter. Schwarze Vögel hatten die Blätter im Kirschbaum vor dem Fenster ersetzt. Das Telefon läutete. Ich stand auf und suchte den Apparat. Da fiel es mir ein: Telefone gab es schon lange nicht mehr. Sascha Josuweit

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