Sprungwunder bei der Eiskunstlauf-WM: Vier gewinnt auf Eis
Der US-Amerikaner Ilia Malinin lässt bei der WM in Boston mit seiner Sprungkunst der Konkurrenz keine Chance. Auch künstlerisch zeigt er Fortschritte.
N ormalerweise steht bei Meisterschaften im Eiskunstlauf entweder der Wettbewerb der Frauen oder der im Eistanz am Ende der Wettkämpfe. Das sind die Höhepunkte, hier schauen traditionell die meisten Zuschauer zu. Bei den Weltmeisterschaften vorige Woche im ausverkauften TD Garden in Bosten (USA) war das anders: Die letzten Auftritte waren den Männern vorbehalten. Und der allerletzte dem einheimischen Titelverteidiger Ilia Malinin.
Mit einem atemberaubenden Feuerwerk an Vierfachsprüngen verteidigte der 20-jährige Malinin seinen im Vorjahr errungenen WM-Titel unter tosendem Applaus der Zuschauer. Malinin trägt den Spitznamen „Gott der Vierfachen“, weil er alle sechs Vierfachsprünge sicher beherrscht. Darunter auch den vierfachen Axel, den er als erster Läufer weltweit 2022 in einem Wettkampf zeigte.
Seitdem präsentiert er ihn in jeden Wettkampf ziemlich sicher. Es gibt einzelne Läufer, die ihn auch vor ihm schon trainierten, beispielsweise der japanische Doppelolympiasieger Yuzuru Hanyu, oder sich heute an ihn heranwagen. Doch im Wettkampf konnte ihn bislang lediglich Malinin präsentieren. Anders als die anderen Sprünge wird der Axel vorwärts abgesprungen, dann aber erfolgt die Landung, genau wie bei den anderen Sprüngen, rückwärts auf einer Kufe des Schlittschuhs. Beim vierfachen Axel dreht man sich also binnen kürzester Zeit viereinhalbmal um die eigene Achse.
In Boston gelangen Malinin allerdings nur fünf verschiedene Sprünge mit vierfacher Umdrehung. Den Lutz zeigte er nur doppelt. Auch wenn er dafür dann von den Preisrichtern geringfügig weniger Punkte bekam als bei seinem ersten WM-Titel vor einem Jahr, die Zuschauer gaben dennoch tosenden Applaus und warfen nach Malinins Programmen unzählige Kuscheltiere für ihren Star auf die Eisfläche.
Krönung mit Rückwärtssalto
Die Konkurrenz ließ er mit rund 30 Punkten Vorsprung hinter sich. Die künstlerische Präsentation seiner Programme ist noch eine Schwachstelle des 20-jährigen Amerikaners. Aber hier hat er sich durchaus weiterentwickelt. Sein Kürprogramm krönte er mit einem bei Zuschauern besonders beliebten Rückwärtssalto. Dieser Sprung war bis vergangene Saison auf dem Eis verboten, weil er bei einem Sturz zu schweren Kopfverletzungen führen kann. Doch immer wieder haben einzelne Läufer den Salto dennoch gezeigt, sodass der Weltverband ISU ihn nunmehr zulässt.
Der Blondschopf wuchs als Sohn der sowjetisch-usbekischen Eiskunstläufer Tatiana Malinina und Roman Skornyakov in den USA auf. Seine Eltern waren seine ersten Trainer. Heute gehört Meistermacher Rafael Harutjunjan mit zum Trainerteam. Erstmals machte Malinin sich auf der internationalen Bühne einen Namen, als er 2022 Juniorenweltmeister wurde. In derselben Saison wurde er bei den Senioren amerikanischer Vizemeister. Dennoch nahm ihn der US-Verband in diesem Jahr nicht mit zu den Olympischen Spielen nach Peking, sondern wählte mit Jason Brown, Nathan Chen und Vincent Zhou drei reifere Läufer mit mehr Wettkampferfahrung und größeren künstlerischen Fähigkeiten aus.
Insgesamt war die Heim-WM in Boston ein voller Erfolg für das US-Team. Neben dem Titel bei den Männern wurde mit Madison Chock/Evan Bates zum dritten Mal der Eistanzwettbewerb gewonnen. Auch bei den Frauen setzte sich mit der 19-jährigen Alysa Liu überraschend eine Amerikanerin durch. Liu galt einst als Sprungwunderkind. Mit 16 Jahren gewann sie WM-Bronze und beendete anschließend ihre Karriere, um das Leben abseits der Eishallen kennenzulernen. In diesem Jahr gelang ihr das Comeback. Liu überzeugt anders als früher vor allem mit der einfühlsamen Interpretation ihrer Programme und akzeptiert, dass ihr die Vierfachsprünge, die sie als Juniorin konnte, nicht mehr gelingen.
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