: Zweifeln, Raunen, Umsturz
Als am 11. September die Türme fielen, öffnete das Internet dem Misstrauen ganz neue Möglichkeiten. Bis zum Verschwörungsglauben, der die autoritäre Revolte befördert
Von Christian Jakob
Die finale Anhörung in der Sache ist für den 14. Oktober angesetzt. Auf der Webseite des Obersten Gerichtshofs Großbritanniens steht über den Termin: „Der Kläger ist der Ansicht, dass der Einsturz des World Trade Centers durch die Detonation von zuvor platzierten Sprengstoffen verursacht wurde.“ Der Kläger ist Matt Campbell, 57, Reflexzonenmasseur aus der Grafschaft Sussex im Süden Englands und Bruder von Geoff Campbell. Der arbeitete einst in New York für die Nachrichtenagentur Reuters. Am 11. September 2001 saß er im World Trade Center bei einer Konferenz der Risikoinvestmentfirma Risk Waters Group. Neun Monate später ordneten Ermittler per DNA-Analyse die Reste eines in den Trümmern gefundenen Schlüsselbeins Geoff Campbell zu.
„Ich glaube der offiziellen Darstellung nicht“, sagt Matt Campbell heute. Die Londoner Polizei habe „per Copy-Paste die Darstellung der US-Behörden“ zur Todesursache seines Bruders übernommen, so Campbell. Er fordert eine neue Untersuchung – und hat deswegen geklagt. 2.500 Seiten Dokumente hat Campbell gesammelt. Er nennt sie „Evidence“, Beweise.
Bis zum 1. September mussten seine Anwälte ihren Schriftsatz einreichen. Einen Tag, bevor die Frist abläuft, sitzt Campbell in seiner Wohnung und erzählt beim Zoomgespräch, was darin steht. Beziehungsweise, er fängt damit an.
Dass die US-Behörden die Akten bis heute nicht vollständig freigeben zum Beispiel. „Wenn das stimmt, was die sagen, warum werden diese Akten dann unter Verschluss gehalten?“
Oder dass die mit der 9/11-Untersuchung der Einsturzursache betraute US-Behörde National Institute of Standards and Technology die Trümmer gar nicht auf Sprengstoffrückstände untersucht hatte.
Und haben die britischen Behörden nicht auch die Umstände des als „Bloody Sunday“ bekannten Massakers britischer Fallschirmjäger 1972 in Nordirland und der Katastrophe im Hillsborough-Stadion von Sheffield, bei der 96 Fußballfans im April 1989 starben, vertuscht und die Medien manipuliert?
Nachdem die Überreste seines Bruders nach Großbritannien gebracht wurden, gab es im Januar 2013 von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren zur Todesursache. Ein Ermittler wurde zum Tod seines Bruders und neun weiteren britischen 9/11-Opfern angehört. Nach 100 Minuten stellte der West London Coroner’s Court offiziell fest: Campbells Bruder war „im Nordturm, als der American-Airlines-Flug 11 absichtlich in das Gebäude gesteuert wurde, wodurch dieses um 10.28 Uhr einstürzte“.
„Völlig unzureichend“ nennt Campbell die Untersuchung. Über 160 Bücher zu 9/11 hat er gelesen, über eine halbe Million Pfund für Prozesse gesammelt, in Guantánamo das Vorverfahren gegen den Hauptverdächtigen Chalid Scheich Mohammed verfolgt. Die britische Generalstaatsanwaltschaft hat Campbells Forderung nach einer neuen Ermittlung der Todesursache abgewiesen, der High Court eine Beschwerde dagegen abgelehnt. Die „Architects and Engineers for 9/11 Truth“ hingegen unterstützten ihn, der Pink-Floyd-Sänger Roger Waters gab ihm eine „beachtliche“ Spende für die Anwaltskosten, das International Centre for 9/11 Justice sammelt Geld für seine Klage. Jetzt hofft Campbell auf den Supreme Court. „Ich bin überzeugt, dass wir gute Argumente haben und dort gewinnen können“, sagt er.
Der 11. September habe „schon vorher bestehende Überzeugungen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen, für viele Menschen scheinbar bestätigt und bis heute weiter angeheizt,“ sagt die an der Universität Exeter lehrende Anthropologin Susannah Crockford.
Diese Überzeugungen reichen lange in die Menschheitsgeschichte zurück. Doch die Zeit um 2001 hob sie auf eine neue technologische Stufe. Das Internet gab den Zweifelnden Google. Es demokratisierte so die „eigene Recherche“ und machte sie einfach wie nie zuvor. Foren boten ungekannte Möglichkeiten viralen Austauschs. Über 100-Millionen-Mal soll allein die 2005 erschienene 9/11-Amateurdoku „Loose Change“ bis heute angesehen worden sein.
„Alternative Expertise“ wurde populär. „Die Zweifelnden testen nicht etwa selbst, bei welcher Temperatur Baustahl schmilzt,“ sagt Crockford. Ihre „eigene Recherche“ sei oft die Websuche nach Darstellungen alternativer Experten. „Die haben meist irgendeine Form von Abschluss, der ihnen Kompetenz zu geben scheint“, sagt Crockford. Doch sie bewegen sich außerhalb der Verfahren und Hierarchien von Universitäten oder traditionellen Medien. Stattdessen können sie im Internet den Menschen „genau die Geschichten liefern, die sie hören wollen“, sagt Crockford.
Denn Verschwörungstheorien bieten, das ist umfassend erforscht, Komplexitätsreduktion, Ordnung, Sinn, Zugehörigkeitsgefühl. Sie lassen Kompliziertes weniger bedrohlich erscheinen. Je mehr Menschen Vertrauen in die Institutionen verlieren, desto leichter finden sie in Verschwörungserzählungen die Erklärung für deren vermeintliches Versagen. Wer diese Bedürfnisse bedient, kann äußerst populär werden.
Ein prominentes Beispiel bietet etwa die taz-Historie. Deren Mitgründer Mathias Bröckers schrieb auf dem Portal Telepolis ein millionenfach geklicktes „konspirologisches Tagebuch“ über 9/11. Seine daraus entstandenen Bücher wurden Bombenerfolge. Bröckers reiste zur Recherche nicht etwa in die USA, sondern googelte. Das Etikett „Verschwörungstheoretiker“ sei ein Instrument, „offizielle Narrative“ gegen kritische Nachfragen zu schützen, so Bröckers damals. 2002 durfte er in der taz die offizielle 9/11-Darstellung „grotesk“ und „lachhaft“ nennen und raunen, es werde nicht weiter ermittelt, „weil überall die eigenen Leute dahinterstecken.“ Erst 2011, im dritten taz-Interview mit ihm zu dem Thema, wurde er kritischer angegangen.
Gleich zwei Phänomene, die das heutige politische Gefüge maßgeblich prägen, hängen auf je eigene Weise mit dem 9/11-Verschwörungsglauben zusammen: Populismus und Querfront.
Der Tübinger Amerikanist Michael Butter verweist darauf, dass bis auf einige JFK-Enthüllungsbücher Verschwörungsglaube lange nur in „hermetischen Subkulturen“ zu Hause war. Das Internet popularisierte sie. Verschwörungsgläubige „konnten die ‚Gatekeeper-Funktion‘ der Medien einfach umgehen“ und Gegenöffentlichkeiten schaffen, so Butter. Die 9/11-Theorien waren vom politischen Establishment in den USA zunächst als „ungeheuerlich“ und „bösartig“ abgetan worden. Doch die 9/11-„Truther“-Bewegung hatte einen Resonanzraum des Zweifels und des Misstrauens geschaffen. Dort kursierte dann ab 2004 die Lüge, Barack Obama sei Muslim, 2008 hieß es, er sei nicht in den USA geboren. 2009 griffen die ersten Kongressmitglieder der Republikaner dies auf. Mit den Attacken der „Birther“ auf Obama wuchs auch die teils libertäre „Tea Party“-Bewegung und radikalisierte die Republikaner. „Für den Wahlkämpfer Trump wurde die konspirationistische Rhetorik 2015/16 zunehmend Teil des übergeordneten populistischen Narrativs von der Ausbeutung des ‚Volks‘ durch die politische und wirtschaftliche ‚Elite‘ “, schreibt Butter. Dieser Populismus und sein „konspirationistisches Raunen“ lieferten Trumps Basis „eine überzeugende Antwort auf ihren Statusverlust, warum sie ihre für ihr Männlichkeitsbild zentrale Rolle als Versorger und Beschützer nicht mehr ausfüllen konnten“, so Butter weiter.
Die Eliten waren also schuld. Wurden früher Verschwörer:innen verdächtigt, eine Machtübernahme zu planen, hält man heute – auch nach 9/11 – die Mächtigen selbst, Politiker:innen, Wirtschaftsführer:innen, Medien für die Verschwörer:innen.
Das führt zu der absurden Situation, dass etwa in den USA viele Kandidat:innen der Republikaner sich bis heute in einem Akt fundamentaler Selbstverleugnung gegen das „Washingtoner Establishment“, also gegen „career politicians“, Lobbyisten, Bürokratie, Eliten, Medien – kurzum: den „Deep State“ – präsentieren.
Trump trieb dieses Misstrauen gegen „Washington“ immer weiter, vor allem mit der Lüge der gestohlenen Wahl 2020, die heute noch bis zu 70 Prozent der Anhänger der Republikaner glauben.
Sein Raunen schließt dabei an in rechten Kreisen verbreitete libertäre Ideen an: Dem Staat ist nicht zu trauen, Steuern werden abgelehnt, das Individuum soll maximale Freiheit bekommen.
Diese Staatsskepsis ist der Berührungspunkt mit einem Teil der Linken. Die blicken traditionell kritisch auf die imperialistische US-Außenpolitik und die einst vor allem antikommunistisch motivierte innere und äußere Aufrüstung. Manche hielten 9/11 für einen Vorwand oder gar für inszeniert, zugunsten neuer Weltordnungskriege der Bush-Regierung. Entsprechend hegten sie tiefes Misstrauen etwa gegen den Neocon-Thinktank „Project for the New American Century“, der 2000 eine Ausweitung der US-Militärmacht forderte und dazu „ein katastrophales und katalysierendes Ereignis – wie ein neues Pearl Harbor“ für nötig hielt.
Die Angriffe der USA auf Afghanistan 2001 und auf Irak 2003 lehnten zunächst vor allem Linke ab. Später dann wurde die Gegnerschaft zu solchen Kriegen aber auch konstitutiv für die populistische, libertäre, extreme US-Rechte.
2014 entstanden in Deutschland die „Mahnwachen für den Frieden“. Der Forscher Michael Butter nennt sie das „entscheidende Ereignis“ für die verschwörungsideologische Szene hierzulande. Unter Figuren wie dem Ex-Radiomoderator Ken Jebsen – der eng mit dem Ex-tazler Mathias Bröckers zusammenarbeitete und 9/11 für einen „Inside Job“ hält – agitierten sie gegen Nato, USA, Geheimdienste, Rüstung, die deutsche Außenpolitik und Mainstreammedien. Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber nennt die Mahnwachen den „ersten bedeutenden Fall“ einer Querfront von Links- und Rechtsextremen sowie Reichsbürgern.
Ken Jebsen sprach 2012 von einer „medialen Massenvernichtungswaffe“. Entsprechend war der „Do your own research“-Gedanke auch in der Mahnwachen-Szene populär.
In der Zeit der Coronapandemie bekam er dann Hochkonjunktur. Die „Querdenker“ entstanden und recherchierten nach Kräften, was alternative Experten wie der Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann über die Pandemie sagten. „Selbstdenker“, so wollten sie dafür bitteschön von den Mainstreammedien genannt werden. Auch sie behaupteten, den Gegensatz von links und rechts zu überwinden. Die Möglichkeit, Kanäle auf unregulierten Messengerdiensten wie Telegram einzurichten, vereinfachten Vernetzung und Austausch in dieser Zeit weiter.
Foto: Joe Tabacca/NYT/Redux/laif
Die Pandemie erschien vielen als Ereignis von apokalyptischer Dimension. Umso entlastender wirkten bei vielen Menschen da die Theorien über die angebliche „Plandemie“, deren Anhänger sich von den „Schlafschafen“ abgrenzen konnten. Ein „apokalyptisches Element“, die Vorstellung eines finalen Kampfs zwischen Gut und Böse, schwinge bei Verschwörungstheorien oft mit, sagt der australische Historiker Andrew McKenzie-McHarg. Nach dem 11. September hatte sich ein Foto vom Rauch an einem der getroffenen Türme verbreitet, das im Netz wahlweise als das Gesicht „Satans“ oder bin Ladens herumgereicht wurde.
Die Endkampfvorstellung hat sich heute auch in der populistischen Rhetorik verstetigt. Sie unterstellt den „Eliten“, den Untergang herbeizuführen. Darin ähnelt der Duktus, mit dem in Querfront-Kreisen heute vor dem vom Westen herbeiprovozierten „Dritten Weltkrieg“ gewarnt wird der hochdringlichen Endkampfrhetorik von Maga oder der AfD. Hier zeigt sich der strategische Charakter der konspirationistischen Staatsskepsis: Ist der Staat den verdorbenen Eliten einmal entrissen, dann sind die neuen Führer plötzlich zu schrankenloser, übergesetzlicher Härte berechtigt, um das Böse zu vertreiben.
Eines der wichtigsten Übel, vor denen heute in dieser Vorstellungswelt gewarnt wird, ist dabei der „Große Austausch“ – die Behauptung, die Elite treibe die ungezügelte Massenmigration voran, um das so neu zusammengesetzte Volk besser kontrollieren und entrechten zu können. Keine Verschwörungstheorie ist in populistischen Kreisen heute verbreiteter.
Insgesamt, so der Forscher Michael Butter, gebe es in Deutschland den Eindruck, dass Verschwörungstheorien immer einflussreicher und somit gefährlicher werden. Tatsächlich aber habe der Glaube an Verschwörungstheorien in Deutschland in den letzten Jahren nicht zugenommen.
Doch er bleibt auf hohem Niveau. Der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2018/19 – also vor der Pandemie – zufolge stimmten rund 34 Prozent der Befragten der Aussage, „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“, eher oder völlig zu. 2025 waren es 33 Prozent.
Von „hermetischen Subkulturen“ keine Spur mehr. Die Räume des Zweifels sind heute weit.
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