: Zurück zu den Eltern
Auch in Städten wie Stralsund steigen die Mieten: Es gibt mehr Zuzug, der Tourismus boomt. Die Politik ist darauf nicht vorbereitet
Foto: Jonas Wahmkow
Aus Stralsund Jonas Wahmkow (Text und Foto)
Die Wohnungssuche in Stralsund, ihrer Heimatstadt, sei keine einfache Sache, berichten Sandra Pritzkoleit und Willi Gert. „Das war ganz schön eine Katastrophe.“ Die beiden Mittzwanziger sitzen in einer geräumigen Wohnküche, ihre einjährige Tochter krabbelt über den beheizbaren Fußboden.
Gert und Pritzkoleit arbeiten in der 60.000-Einwohner-Stadt an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Als klar war, dass sie ein Kind erwarten, wollten sie aus ihrer baufälligen Zweiraumwohnung in eine größere Wohnung ziehen. Doch etwas Bezahlbares, das ihren Bedürfnissen entsprach, fanden die beiden in Stralsund nicht. „Da zahlst du teilweise 1.600 Euro für eine Dreiraumwohnung, das ist schon fett“, sagt Pritzkoleit.
Willi Gert hat einen sicheren Job bei der Rentenversicherung, verdient 2.500 Euro netto, „ganz gut für hier oben“. Sandra Pritzkoleit arbeitet als Servicekraft im Autohaus, in Elternzeit bekommt sie nur 30 Prozent ihres Einkommens. „Bei diesen Mieten musst du auf etwas verzichten, wenn du dir eine Wohnung holst. Auto, Urlaub oder beides“, sagt Gert.
Noch hinken die Mieten in Mecklenburg-Vorpommern dem Bundesdurchschnitt hinterher: Die durchschnittliche Angebotsmiete liegt hier laut Daten des Immobilienmaklers Engel & Völkers bei 10,07 Euro netto kalt – in Berlin sind es aktuell 17,74 Euro.
Doch Mecklenburg-Vorpommern ist auch das Bundesland mit dem niedrigsten Lohnniveau, und wohnen wird immer teurer: Laut dem Stralsunder Mietenspiegel stiegen die Bestandsmieten in den vergangen vier Jahren um 30 Prozent. Stralsund ist damit keine Ausnahme. „In Mecklenburg-Vorpommern sind fast alle Städte in einer ähnlichen Situation“, sagt Kai-Uwe Glause, Geschäftsführer des Mieterbund-Landesverbands in Rostock. „Überall Mangel, und wo Mangel ist, steigen die Mieten.“
Nach der Wende hatten viele Städte im Osten vor allem mit Wegzug und Leerstand zu kämpfen. So auch Stralsund. Noch 2008 erreichte die Leerstandsquote mit 13,8 Prozent ihren vorläufigen Höhepunkt. Für Wohnungssuchende bedeutete das damals: Günstiger Wohnraum war en masse vorhanden, wenn auch nicht immer in guter Qualität.
Besonderes Sorgenkind war damals die historische Altstadt. Noch 2004 stand fast ein Drittel des Wohnungsbestands hinter den alten Stadtmauern der Hansestadt leer und viele der Wohnungen waren stark sanierungsbedürftig.
Schlendert man an einem Donnerstagnachmittag im August durch die Stadt, ist davon nichts mehr zu sehen. Statt Verfall überall frisch verputzte Fassaden und angebaute Balkone. Die Backsteinfassaden der historischen Bürgerhäuser sind aufwendig saniert. Auf den engen, kopfsteingepflasterten Straßen drängen sich Tourist:innen, Fotoapparat und Fischbrötchen in den Händen. Am Hafen dümpelt das imposante dreimastige Segelschulschiff „Gorch Fock“ vor sich hin. Vor der grauen geschwungenen Betonfassade des Ozeanums, des 2009 eröffneten Großaquariums, wartet wie üblich eine Menschenschlange.
Heute gehört die Altstadt des Unesco-Weltkulturerbes zu den teuersten Wohnlagen der Stadt. Und auch die Bevölkerung wächst seit 2015 wieder leicht und kratzt aktuell wieder an der 60.000 Marke.
Verantwortlich dafür sind vor allem die Zuzüge. Angesichts des damaligen Bevölkerungsrückgangs ließen Städte wie Stralsund nicht unversucht, um Menschen dazu zu bewegen, in die Region zu ziehen. Doch erfolgreicher als jede Werbekampagne sind die traumhafte Lage an der Ostsee und die vergleichsweise günstigen Grundstückspreise, die vor allem betagte Neuankömmlinge aus den alten Bundesländern nach Stralsund locken.
Grundsätzlich sei der Zuzug zu begrüßen, stellt Glause vom Mieterbund klar, nur habe man es „verpennt“, frühzeitig eine treffende Prognose zu erstellen. „Die Kommunen sind immer wieder nicht auf die Nachfrage vorbereitet“, sagt Glause. Neubau gebe es kaum, stattdessen priorisieren Kommunen vor allem den Bau von Einfamilienhäusern.
Das zeigt sich auch in Stralsund. 2024, im letzten statistisch erfassten Jahr, entstanden gerade einmal 17 Wohngebäude. 16 davon waren Einfamilienhäuser, nur eines ein Mehrfamilienhaus mit sieben Wohnungen.
Und dann ist da noch der Tourismus. Die Stadt Stralsund setzt wie auch die Landesregierung voll auf diese Branche als wirtschaftliches Zugpferd. Mit 33,3 Millionen Übernachtungen war 2025 laut dem Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern das zweitbeste Jahr überhaupt. Besonders stark steigt darum die Nachfrage nach Ferienwohnungen- und -häusern.
Foto: Jonas Wahmkow
Die Entwicklung wirkt sich auch auf Stralsunds Wohnungsmarkt aus. Unweit der Altstadt, am Ufer der namensgebenden Meerenge Strelasund, liegt eine kleine Marina mit Segelbooten. Der Platz davor ist eine Brachfläche, Campingurlauber mit ausladenden Wohnmobilen und umgebauten Minivans nutzen ihn als günstigen Übernachtungsplatz. Auf der Fläche will ein stadtbekannter Investor 95 Ferienapartments bauen lassen, dazu 33 Eigentumswohnungen.
Der angespannte Mietenmarkt bringt Begleiterscheinungen mit sich, von denen Stralsunder:innen bislang nur aus Metropolregionen gehört haben. „Freunde von mir sind gerade umgezogen und haben einen Staffelmietvertrag unterschrieben“, erzählt Sandra Pritzkoleit. Zu den 1.300 Euro für eine Dreiraumwohnung würden im nächsten Jahr schon wieder 20 Prozent dazukommen. „Die schauen sich schon wieder nach etwas Neuem um.“ Andere Freunde wohnten in Häusern, die als Kapitalanlage erworben wurden. „Die Eigentümer wohnen in Bayern, die kriegst du nie erreicht“, berichtet Willi Gert.
Auch Fälle von Eigenbedarfskündigungen häuften sich, berichtet Mieterbund-Geschäftsführer Glause: „Ein erheblicher Anteil davon ist auch vorgetäuscht.“ Auch das Phänomen, dass Wohnraum lukrativer als Ferienwohnungen auf Plattformen wie Airbnb vermietet werde, habe in den vergangenen Jahren zugenommen.
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In Stralsund sind es wie woanders auch vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, die als Erste unter der Wohnungsnot leiden: Rentner, Studierende, Geflüchtete und Alleinerziehende. So klagt der auf Suchthilfe spezialisierte Verein Chamäleon darüber, dass es zunehmend schwieriger wird, für seine jugendlichen Klienten nach der Therapie Wohnungen zu finden. Für die Jugendlichen sei das frustrierend.
Zunehmend werden die steigenden Mieten auch zu einem Politikum. So antwortet ein Rentner, der auf Kleinanzeigen eine Zweizimmerwohnung suchte, auf taz-Anfrage: „Die Wohnungssuche in Stralsund ist aussichtslos für Deutsche Bürger denn Ukrainer und Arabeber [sic] sowie Afrikaner haben ja VORRANG [sic]“, und schob noch nach: „Nur noch AFD diese Regierung muss weg.“
Tatsächlich ist es fast ausschließlich die Linke, die die Mieten im Wahlkampf thematisiert. „Für uns ist das ein Schwerpunkt“, sagt Hennis Herbst, fachpolitischer Sprecher der Partei, der im rund 30 Kilometer entfernten Greifswald lebt. Im September will Herbst mit dem Thema Mieten das Direktmandat holen.
Der politische Handlungsspielraum werde von der Landesregierung bisher kaum genutzt. Die „große Antwort“ sei der Mietendeckel auf Bundesebene, sagt Herbst. Aber auch die kommunalen Wohnungsunternehmen könnten die Mieten in ihren Beständen deckeln. „Das ist ein riesiger Hebel“, sagt Herbst. In Stralsund etwa ist etwa ein Drittel des Wohnungsbestands in kommunaler Hand.
Die Wohnungssuche von Sandra Pritzkoleit und ihrem Partner Willi Gert hat immerhin ein glückliches Ende gefunden. Statt beinahe die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für die Miete zu bezahlen, entschied sich das Paar, wieder zurück in das Haus von Willi Gerts Eltern zu ziehen, gelegen in einem kleinen Dorf im Speckgürtel Stralsunds. „Meine Eltern sind nach oben gezogen, wir haben hier unten alles ausgebaut“, erzählt der 27-Jährige.
750 Euro warm zahlt das junge Paar im Monat für 105 Quadratmeter mit allen Nebenkosten. Da ist dann immer noch ein Urlaub drin.
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