: Zur Hölle mit der Meinung
Immer mehr Menschen müssen alles teilen mit anderen. Auch den Wüterich in sich. Versuch eines Psychogramms
Von Uli Hannemann
Am Morgen nach unserer Party schmerzt mein Kopf. Dumpf schwant mir, ich hätte gestern mal wieder ordentlich meine Meinung gesagt. Aber gut, dieses in 80 Jahren offenbar niemals richtig entnazifizierte Land lässt eben ab und zu den ganzen Frust darüber auf einmal aus mir herausquellen wie aus einer gut geschüttelten Ketchup-Flasche. Dann sag ich halt auch mal klar, was ich denke. Und kein windelweiches Wischiwaschi mehr. Alles muss raus.
Die Party war ganz gut, glaube ich. In der Küche, auf dem Balkon, in jedem Zimmer stehen leere Flaschen und Gläser herum. Am Ende waren doch eine Menge Leute da gewesen. Allerdings war ich fast der Einzige, der sich ausgiebig Gin Tonics gemixt hat. Fand ich aber nicht schlimm, da blieb mehr für mich.
Jetzt fällt mir auch dunkel die Szene im Wohnzimmer wieder ein, wie ich gegen Mitternacht in größerer Runde meine Lieblingslösungen „des deutschen Problems“, wie ich es nannte, laut werden ließ. Sehr laut.
Ich bin nämlich der einzige mir bekannte Riesenfan des Morgenthau-Plans, der nach dem Krieg Deutschland für immer auf der Stufe eines unterentwickelten Agrarlandes gehalten hätte. Dann wären wir jetzt alle mit dem täglichen Überleben beschäftigt, statt wohlstandsverwahrloste Kapitalnazischeiße zu posten. Weil es gar kein Internet geben würde und auch keinen elektrischen Strom. Da hätten wir wenigstens Grund zum Jammern.
Verpasste Gelegenheit
Aber, o Überraschung, keiner jammert. Weil wir das ja gar nicht anders kennen würden, inzwischen schon in der dritten Generation. Was für eine verpasste Gelegenheit. Ich erinnere mich nun doch wieder ganz gut an die faszinierten Blicke in der Runde, als ich buchstäblich weit ausholte und dabei ein paar volle Gläser umschmiss: kein Strom, keine Medikamente, Hunger, Skorbut, Kindersterblichkeit, Zwangsehen, wilde Tiere, Gemeinschaftslatrinen, Pest.
Aber das wäre gar nicht weiter schlimm, denn das wäre ja wie gesagt ganz normal. Gott wäre uns immer so nah. Singend würden wir die verfaulten Kartoffeln aus dem Acker pulen und singend dabei sterben. Mit neunzehn Jahren, nach einem viel zu langen und viel zu erfüllten Leben, zumindest käme es uns so vor.
Da käme überhaupt kein Verlustgefühl auf. Demut wäre unser täglich Brot, neben ein paar Graupen und etwas Wassersuppe. Die wenigen Kartoffeln, die die Fäule übrig gelassen hat, werden zur Aussaat benötigt – vielleicht wird es ja im nächsten Jahr was mit der Ernte. Im Winter hat es hundert Grad unter null. Klimawandel? Nicht bei uns, es gibt keine Industrie, keine Autos und keine Heizung – Morgenthau eben, au Mann, hab ich einen Schädel auf.
Wir müssten nur vor den anderen Ländern und deren Errungenschaften gründlich abgeschottet werden, damit keine Begehrlichkeiten geweckt werden. Aber darin hat Deutschland ja Expertise, das hat mit der DDR ja auch lange gut geklappt. Diesmal müssen wir es nur noch konsequenter durchziehen.
Mein zweite Hauptforderung neben dem Morgenthau-Plan ist die pauschale Abtreibung sämtlicher männlichen Föten. Das fände ich gesellschaftlich total angezeigt, wenn dieses vollgestörte Dreijährigengegockel endlich ein für alle Mal aus Politik und Alltag verschwunden wäre.
Guckende Gäste
Diejenigen, die mich noch nicht von anderen Partys kannten, haben da durchaus ein bisschen geguckt. Also haben alle geguckt, weil die, die mich schon mal dabei erlebt haben, waren gar nicht da. Die konnten nicht. Taufe vom Patenkind oder Urlaub oder so, irgendwas ist ja immer.
Weiß aber gar nicht, warum. Ist doch im Prinzip ganz logisch, und vorher könnte man einfach noch Billionen Samen einfrieren, um demografisch nicht noch mehr abzukacken – ich hab an alles gedacht. Trotzdem ist klar, dass dann gleich wieder irgendein Schwachsinnseinwand droht, not all men, blabla, buhu und mimimi. Ich als Mann darf das ja wohl sagen, und wem das nicht passt, der kann ruhig gehen, habe ich gelallt, also ich soll wohl schwer gelallt haben dabei, das wurde mir später vorgehalten, nachdem die Gäste gegangen waren, ist aber eh Quatsch – „wer lallt, schnallt“, sag ich immer. Also hab ich irgendwas sinngemäß in der Richtung gebrabbelt, dass dann nach der Befruchtung mit dem gefrorenen Losercocktail halt die Hälfte von den Affen wieder weggemacht wird.
Auf einmal war da so ein komisches Gegrummel im Raum, ich find so was ja superunreif, wer was Vernünftiges beizutragen hat, soll das halt tun. Ich hab mir jedenfalls noch einen sauberen Gin Tonic gebastelt, immer schön halbe-halbe, und die Leute sind dann, glaube ich, auch alle relativ schnell nach Hause. Mein Frau hat mich wohl noch irgendwie ins Bett gebracht.
Jetzt ist sie nicht da, aber ich mache mir keine Sorgen, dass ihr was passiert ist, denn ihr Koffer ist schließlich auch weg. Dann wird das schon alles seine Ordnung haben.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen