Zukunftsstrategie Forschung: Es fehlt der lange Blick
Der Druck für Veränderungen nimmt zu. Jetzt rächt sich, dass eine langfristig angelegte Transformationsforschung fehlt.
Die Krisen nehmen zu, der Transformationsdruck wächst, aber die Wissenschaft ist nicht darauf eingestellt. Es fehle an einer „langfristig ausgerichteten Transformationsforschung“, bemängelt Klaus Dörre von der Uni Jena. „Wir befinden uns in einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise“, stellte der Soziologe diese Woche bei einer Diskussion über die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften in der geplanten Zukunftsstrategie fest.
Laut Dörre, der in Jena auch geschäftsführender Direktor des Kollegs Postwachstumsgesellschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist, hat die mit der Energiewende einhergehende Dekarbonisierung inzwischen „das Herz der europäischen Industrie“ erreicht. Es handele sich um den tiefsten Einschnitt in die technischen Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsweise seit Beginn der Industrialisierung.
Diesem Systemwechsel könne die deutsche Forschung aber nicht adäquat folgen, weil sie selber unter einem Systemdefekt leide: 80 Prozent der wissenschaftlichen Stellen werden nur befristet vergeben. Langfristigkeit wird strukturell verhindert.
Eine breiter angelegte, interdisziplinäre Transformationsforschung, wie sie Dörre vorschwebt, würde von der Problemdiagnose über die Entwicklung von Alternativen bis hin zur Bewältigung der Folgen reichen. „Am ehesten gibt es so was noch in der DFG“, sagte der Soziologe. „Aber schon gar nicht in der Ministeriumsforschung.“
Weichen falsch gestellt
An dieser Stelle sollten in der „Zukunftsstrategie Forschung und Innovation“, die derzeit vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erarbeitet wird, die Weichen anders gestellt werden. Hintergrund ist das sechste „Zukunftsfeld“ im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung, die in den Bereichen „gesellschaftliche Resilienz, Geschlechtergerechtigkeit, Zusammenhalt, Demokratie und Frieden“ wissenschaftlich mehr tun möchte. Wie die Grünen-Diskussion zeigte, ist der Handlungsbedarf groß.
Der Politikwissenschaftler Lorenz Narku Laing hat seit Kurzem an der Evangelischen Fachhochschule Bochum die erste Professur für Rassismusforschung inne. Auch wenn Rassismus, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in Deutschland eine Realität sei, werde sie in der akademischen Lehre nicht abgebildet, kritisierte Laing. Er plädiert dafür, den Aspekt der „Diversität“ künftig als Kriterium für die Vergabe von Forschungsmitteln und Stellen einzuführen.
Ihren Abschluss findet die Reihe zur Zukunftsstrategie am kommenden Mittwoch, 21. 9., mit Abgeordneten und Forschern in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin. Die deutschen Wissenschaftsorganisationen haben sich mit eigenen Events noch nicht in die Debatte um die Zukunft der deutschen Forschung eingebracht. Mangel an Langfristigkeit eben.
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