Zufriedenheits-Kommission schlägt Alarm: Weniger swipen, mehr Stockbrot
Laut eines aktuellen Berichts ist die Jugend ängstlich und hat kaum Frustrationstoleranz. Dänemarks Regierung fordert radikale Änderungen in Schulen.
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Wie schlimm steht es um die Jugend? Macht Social Media sie krank? Das fragt man sich nicht nur in Dänemark, aber dort hat jetzt eine Gruppe von Fachleuten untersucht, was der messbare Abwärtstrend in Zufriedenheitsumfragen unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bedeutet.
Die sogenannte Zufriedenheits-Kommission nennt ihren Abschlussbericht „Dänische Antworten auf westliche Herausforderungen“ – sind sie auch für Deutschland gültig?
Die Erkenntnisse und Feststellungen überraschen nicht besonders – aber die Art der Zusammenstellung macht daraus eine Art Schnellkurs in geglückter Lebensführung. Was führt zu einem zufriedenen Leben? Jedenfalls nicht, die eigenen Kinder vor allen Problemen bewahren zu wollen. Ja, der Bericht nimmt sich heraus, Eltern Erziehungstipps weit über die Bildschirmzeitdiskussion zu geben.
Nicht nur die Eltern, die ganze Gesellschaft wird auf den Pott gesetzt. Nach dem Motto: Wir fassen hier noch einmal grundlegendes Menschheitswissen für euch zusammen, falls ihr es in der Hektik des Alltags vergessen haben solltet.
Schulen, Freizeitorte, Kommunen, Politik: Alle zusammen müssten die Gesellschaft für Kinder besser erträglich machen. Aber auch, zentraler und vielleicht heikelster Punkt des Berichts: Kinder müssten befähigt werden, mehr zu ertragen. Mehr Realität wagen, sozusagen.
Die Kontrolle über den Digitalkonsum zurückzuerlangen, ist tatsächlich nicht der erste Bereich, den sich die Zufriedenheits-Kommission vornimmt. Sie fängt viel grundsätzlicher an – bei der Sprache. Mit einer Definition, die klarstellen soll, worum es geht, und die zur Grundlage für künftige Diskussionen und politische Entscheidungen empfohlen wird.
Nicht ohne Hindernisse, Traurigkeit und Frust
Was meint die interdisziplinäre Expertengruppe, die von der dänischen Regierung mit dieser Standaufnahme und Lösungssuche beauftragt wurde, wenn sie von Zufriedenheit spricht? Was brauchen Menschen, damit es ihnen gut geht?
„Es geht einem gut, wenn man im Großen und Ganzen froh ist über sein Leben“, schreibt die Kommission. „Es geht einem gut, wenn man sich entfalten kann, seine Talente entwickeln kann sowie Gemeinschaften eingehen und zu ihnen beitragen kann. Es kann einem auch gut gehen, wenn man phasenweise Widerstände und Herausforderungen erlebt. Entscheidend ist, dass man mit solchen Phasen umgehen kann.“
Das Leben kommt nicht ohne Hindernisse, Traurigkeit und Frust aus: Diese banale Aussage wird zum wichtigen Argument. Die Fachleute haben eine Tendenz beobachtet, dass Kinder allgemeine menschliche Zustände nur noch mit einem Vokabular aus der psychiatrischen Diagnostik beschreiben könnten.
Statt „Eile“ hätten sie inzwischen nur noch „Stress“, statt schlecht drauf zu sein, sprechen sie – auch ohne Diagnose – von depressiven Episoden, Aufregung vor einem Ereignis wird sprachlich zur Angst. Die Kommission fordert einen achtsameren Umgang mit Sprache, damit junge Menschen nicht jedes unangenehme Gefühl als etwas Pathologisches benennen können.
Ein Anstieg von psychiatrischen Diagnosen unter Jugendlichen wird in Dänemark heftig diskutiert – Organisationen wie GirlTalk, die psychisch strauchelnde Mädchen unterstützt, äußerte Befürchtungen, die Kommission nehme mit ihrem – vorab angekündigten – Fokus auf Formulierungen tatsächlich vorhandene Probleme nicht ernst. Der Eindruck entsteht im Bericht allerdings nicht. Er erinnert lediglich, wenn auch mit Nachdruck, daran, dass Sprache die Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflusst – das kann sich jede Gesellschaft vergegenwärtigen.
Aber jetzt zum greifbaren Problemfall soziale Medien: Auch in Dänemark gibt es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Anstieg des jugendlichen Unwohlseins und der Verbreitung von Smartphones und Social Media seit 2010, wie die Kommission feststellt. „Digitale Kolonialisierung von Kinderleben“, so nennt sie das, was die vergangenen 15 Jahre passierte.
Wie kommen sie ohne Smartphone durch den Tag?
Dänemark ist wie die anderen nordischen Länder früh und begeistert digitale Wege auch im Unterricht gegangen – zu früh und zu begeistert, wie der sozialdemokratische Kinder- und Unterrichtsminister Mattias Tesfaye 2023 gegenüber der Zeitung Politiken einräumte.
Sechsjährigen Kindern wurden Tablets mit unbeschränktem Internetzugang gegeben. Nun forderte der Minister Schulen auf, wieder mehr Bücher, Bastelsachen und Musikinstrumente anzuschaffen. Man schulde dieser Generation, die man zu „digitalen Versuchskaninchen“ gemacht habe, eine riesige Entschuldigung, sagte er.
Jetzt geht die dänische Regierung einen weiteren Schritt. Sie will dafür sorgen, dass Grundschulen per Gesetz Smartphone-freie Zonen werden – eine weitere Forderung der Zufriedenheits-Kommission. Grundschule, das heißt in Dänemark: bis zur neunten Klasse.
Teenager werden wieder zu Versuchskaninchen – wie kommen sie ohne Smartphone durch den Tag? Was wird das mit ihnen machen? Vielleicht, so die Hoffnung, wieder mehr im Hier und Jetzt sein, mehr echte Menschen im Blick statt AI-Prinzessinnen.
Das wäre schon viel, aber das war’s noch lange nicht an Verbesserungsvorschlägen. Auch das hohe Tempo, in dem der Alltag inzwischen gelebt wird, gehört laut Untersuchung zu den gesellschaftlichen Tendenzen mit Einfluss auf das Wohlbefinden der Jüngsten. Außerdem zählt das Paradox dazu, dass individuelle Freiheit als belastend empfunden werden kann – zu viel Auswahl an Lebenswegen, zu viel Angst, falsch zu entscheiden, zu viele neue Idealvorstellungen, die über Social Media hereingespült werden.
Bei allen Schwierigkeiten: Diese Fachleute sehen keine gesellschaftliche Großkrise, wie sie manche befürchtet hatten. Aber sie tun die Probleme auch nicht ab. Sie sehen sie als unvermeidlicher Teil der Gesellschaften: Die muss sich auf neue Situationen einstellen. Laut der dänischen Antworten ist das machbar. Man möchte ihnen gerne glauben.
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