: Zu wenig zum Leben
Wenn der Lohn nicht reicht zum Leben, muss das Jobcenter Geld dazugeben. Aufstocken nennt das die Agentur für Arbeit. Allein in Stuttgart trifft das 4.300 Frauen und Männer. Fati Abu ist eine von ihnen.
Von Gesa von Leesen↓
Alltagsbegleiterin in der Altenpflege ist die 46-Jährige. Seit August arbeitet Fati Abu in einem Pflegeheim in Hedelfingen. „Das ist eine gute Arbeit, aber der Druck ist groß, besonders jetzt mit Corona.“ Laut Arbeitsvertrag hat Abu eine halbe Stelle. „Aber ich springe auch ein, wenn Kolleginnen krank sind. Das kommt oft vor. Dann habe ich viele Überstunden.“
Jeden Monat muss Abu ihre Lohnabrechnung ans Jobcenter schicken. Dort wird dann berechnet, wie viel Geld sie noch zu bekommen hat. Denn von einem halben Job als Alltagsbegleiterin kann niemand leben. Erst recht nicht, wenn daheim noch drei Kinder versorgt werden müssen, und schon gar nicht, wenn man in Stuttgart wohnt.
Zu viert leben die Abus auf 54 Quadratmetern in Bad Cannstatt: drei kleine Zimmer, ein Schlauchbad und eine schmale Küche. Auf Kommoden und in Regalen stapeln sich Unterlagen, Ordner, Kosmetika, Schüsseln – was sich in einem Haushalt mit zwei 11- und 14-jährigen Töchtern und einem 16 Jahre alten Sohn eben so ansammelt. Die beiden Älteren teilen sich ein Kinderzimmer mit Stockbett, die Jüngste schläft mit der Mutter in einem Zimmer. „Es geht nicht anders.“ Abu zuckt mit den Schultern. „Mein Sohn will immer ein eigenes Zimmer, aber wir können in Stuttgart keine andere Wohnung finden, die das Jobcenter bezahlen würde.“
Die hier fälligen knapp 800 Euro Miete übernimmt das Jobcenter, dazu kommt der Aufstockungsbetrag je nach Lohn. „Das sind mal 300, mal 500 Euro“, sagt Fati Abu. Je nachdem, wieviel sie verdient hat. Natürlich ist sie froh, dass sie unterstützt wird. Aber trotzdem: Der monatliche Kontakt mit dem Jobcenter belastet die Mutter. Sie will da raus, auf eigenen Füßen stehen und nicht immer von Sachbearbeitern abhängig sein.
Irgendwann war immer Schluss
„Ich habe immer gearbeitet, seit meine jüngste Tochter vier Jahre alt ist“, erzählt Abu. Sie stand in Fastfood-Läden, hat geputzt, war im Service. Häufig hatte sie zwei Jobs. Aber irgendwann war immer Schluss und mehrmals stand sie am Ende mit Überstunden, aber ohne Bezahlung da. Hat sie sich nicht gewehrt? Sie zieht die Schultern hoch. „Einmal wollte ich, aber dann habe ich gedacht, das gibt zu viel Ärger.“ Denn sie habe ein großes Problem, sagt Fati Abu: „Ich kann nicht Nein sagen. Ich will, dass um mich herum alles harmonisch ist.“ Konflikte belasten und Belastung hat sie genug: Arbeit, pubertierende Kinder, Termine beim Jobcenter … „Alles lastet auf meinen Schultern. Das ist so anstrengend.“ Ihre Augen werden feucht. Dann lächelt sie wieder eisern.
Judith Giesel kennt die schwierige Situation von alleinerziehenden Frauen. „Vielen fehlt die Kraft, sich zu wehren.“ Giesel ist die Chefin der diakonischen Beratungsstelle Kompass in Stuttgart. In diesem offenen Treff mit Café können Menschen vorbeikommen, einen Kaffee trinken (geht gerade nicht), reden, Unterstützung finden. „Frau Giesel hat mir schon viel geholfen“, sagt Fati Abu. Ihre Erfahrung, dass manche Arbeitgeber Löhne nicht zahlen, sei kein Einzelfall, sagt Giesel. „Gerade jetzt während Corona gibt es etliche Arbeitgeber, die verspätet zahlen oder einfach verschwinden.“
Abu ist zu Kompass gekommen, nachdem sie vor ungefähr sechs Jahren nichts mehr vom Jobcenter wissen wollte und dachte, sie käme auch so klar. Sie hatte einen Job, aber der Lohn kam unregelmäßig. Also zahlte auch sie unregelmäßig Miete oder nur Abschläge. Irgendwann ging’s nicht mehr, eine Räumungsklage drohte. Gemeinsam mit Giesel, die mit den verschiedenen Beteiligten das Gespräch suchte, fanden sie eine Lösung. Seitdem ist Abu wieder in Kontakt mit dem Jobcenter.
Am liebsten würde Fati Abu eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin machen. „Mit einer Ausbildung ist die Arbeit besser“, ist sie überzeugt. Und sie würde mehr verdienen. Ihre Kinder sind mittlerweile einigermaßen selbstständig, in drei Jahren macht der Große Abitur und bis die Mädchen aus dem Haus sind, dauert es auch nicht mehr lange. Dann hätte Fati Abu deutlich mehr Zeit. Für ihren jetzigen Job in der Altenpflege hat Abu einen Lehrgang gemacht. „Das war wegen Corona schwierig“, erzählt sie. Manches gab es nur online, auch das mit dem Praktikum ging nicht so. Aber nun hat sie zumindest diesen Alltagsbegleiter-Schein und eine Stelle im Pflegeheim. Sie mag die Arbeit. „Ich will die Leute gut behandeln. Sie waschen, schön anziehen. So, wie ich auch behandelt werden möchte.“ Erfährt sie Rassismus? Abu zuckt mit den Schultern. „Ja, aber ich ignoriere das. Manchmal sehe ich, wie Leute erschrocken gucken, wenn sie mich zum ersten Mal sehen. Aber nach ein paar Tage, wenn man miteinander geredet hat, ist alles normal.“ So sei das Leben nun mal. „Man kann die Leute nicht dazu zwingen, alle schwarzen Menschen zu lieben.“ Jetzt lächelt sie.
Ihre Wunschausbildung würde Abu gerne berufsbegleitend machen. „Drei Tage Arbeit, zwei Tage Ausbildung – das ist meine Idee.“ Mit dem Jobcenter hatte sie schon darüber geredet. Aber irgendwie hat das bis heute nicht geklappt. Sie war mal bei einem Test deswegen. „Da bin ich durchgefallen.“ Lag’s an den Sprachkenntnissen? Abu zuckt ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“ Seit 17 Jahren ist sie in Deutschland, spricht recht gut deutsch. Schreiben sei schon schwieriger, vor allem wenn es um Fachausdrücke geht, erzählt Abu. „Aber da könnte ich doch einen speziellen Sprachkurs machen“, träumt sie.
Der neue Glaube bringt Halt und Distanz
Warum ist sie eigentlich aus ihrer Heimat Ghana weg? „Ich habe gehofft, hier besser zu leben“, sagt sie. Sie habe in einem kleinen Dorf bei ihrer Oma gelebt, sei die Älteste von fünf Kindern. Mehr mag sie nicht erzählen. Erst sei sie in Straßburg gewesen, wo sie den – mittlerweile verschwundenen – Vater ihrer Kinder kennengelernt hat. Der Rückblick auf diese Beziehung ist eindeutig: „Das war nicht gut.“ Zu ihrer Familie in Ghana hat Fati Abu kaum Kontakt. Weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert ist, rede ihr Vater nicht mehr mit ihr. Das findet sie schade. Bis heute bekomme sie von früheren, muslimischen Bekannten Whatsapp-Nachrichten, die sie ärgern. „Die wollen mich wieder zum Islam bekehren. Ich verstehe nicht, warum die Leute das nicht akzeptieren können. Das macht mich kaputt.“ Sie mag ihren neuen Glauben. Den hat sie gefunden, nachdem sie viel über Gott nachgedacht und dann gleich drei Mal hintereinander von Jesus geträumt hat. Abu strahlt, als sie davon erzählt. „Nach meiner Taufe fühlte ich mich wie befreit!“ Sie streckt die Arme auseinander, als ob sie die ganze Welt umarmen wollte.
Auch ihre Kinder sind alle getauft und konfirmiert. Das findet Fati Abu wichtig und richtig. Dass die Kinder – wie alle – nicht immer das tun, was sie von ihnen erwartet, besorgt sie. „In meiner Kindheit war das anders. Da hieß es: Mach das, mach das – und dann habe ich das gemacht.“ Besonders bedrückt es die Mutter, wenn die Noten mal nicht so gut sind. „Da suche ich dann nach Nachhilfe. Die Kinder brauchen einen guten Schulabschluss, damit sie mal eine gute Ausbildung machen können.“
Alleinerziehende sind unerwünscht
„Das ist das A und 0“, bekräftigt Katharina Mittler, Regionalleiterin für Stuttgart und Region beim Paritätischen. Die studierte Wirtschaftsingenieurin, die auch schon als Tagesmutter und im Jobcenter gearbeitet hat, weiß um die speziellen Schwierigkeiten von Alleinerziehenden. „Die typische Gruppe unter den Hartz‑IV-Beziehern und Aufstockern sind alleinerziehende Frauen – auch Männer –, die schon in der Partnerschaft nicht viel verdient haben. Dann trennt man sich, der Mann kann oder will keinen Unterhalt zahlen und die Frau findet keinen ordentlich bezahlten Job.“ Auch weil noch immer nur wenige Arbeitgeber alleinerziehende Frauen einstellen. „Immer heißt es: ‚Und was machen Sie, wenn das Kind krank ist?‘“, sagt Mittler. „Väter werden das nie gefragt.“ Übrigens betreffe das nicht nur schlecht Qualifizierte. „Auch hochqualifizierte Mütter ohne Partner trifft diese Inflexibilität.“ Dadurch würden viele zu Aufstockerinnen. „Oft sind die Leute dann ihr Leben lang auf Hartz IV angewiesen. Erst verdienen sie in Teilzeit nicht ausreichend, später reicht dann die Rente nicht.“
Dass schlecht qualifizierte Einwanderinnen oft noch stärker in dieser Armutsfalle festhängen, sieht Mittler als ein gesellschaftliches Problem. „Es fehlt überall an leichter Sprache, auch im Landratsamt, bei der Polizei … Warum passiert da nichts?“ Wenn Menschen in der Altenpflege arbeiten wollen, müsste es doch alle Bemühungen geben, damit das klappt.
Immerhin: Das Modell für berufsbegleitende Ausbildung gibt es und es verbreitet sich langsam immer mehr. In Stuttgart hat das Jobcenter dafür ein eigenes Programm: Stark im Beruf. Der Aufwand sei relativ hoch, wie Mittler aus ihrer Jobcenter-Erfahrung weiß. „Die Frauen müssen gecoacht werden, weil viele sich das erstmal nicht zutrauen. Dann braucht es eine klare Tagesstruktur und verlässliche Kinderbetreuung.“ Die braucht Fati Abu nicht mehr, ihre Kinder sind alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Sie ist auf der Suche nach einem bezahlbaren Laptop für den Schulunterricht ihrer Kinder. Der alte ist kaputt.
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