: Zu Untätigkeit verdammt
■ Wer als Beobachter im Elend von Goma überleben will, bleibt tatenlos
Vor einem Jahr hat der zairische Psychologe Oswald Sebazindutsi Mazimpaka gemeinsam mit einem belgischen Priester in der Nähe von Goma ein Waisenhaus für 40 Kinder eingerichtet. Jetzt sind dort 2.500 Kinder aus Ruanda untergebracht, die ihre Eltern verloren haben oder in den letzten Tagen von ihnen getrennt worden sind. Gemessen an dem Grauen geht es diesen Kindern noch gut. Sie bekommen von verschiedenen Hilfsorganisationen Wasser, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung.
Aber es sind andere Maßstäbe, als sie sonst in Katastrophengebieten angelegt werden, wenn hier von vergleichsweise guten Bedingungen die Rede ist: ungefähr 20 Babys, das jüngste vier Wochen alt, liegen nackt und ungeschützt auf blankem Zementfußboden – inmitten ihrer Exkremente. Es gibt nicht ausreichend Kleider, Decken und Windeln und schon gar nicht genügend Hilfskräfte, um sie besser versorgen zu können.
In der Gegend um Goma sind für Beobachter die letzten Reste humanen Verhaltens bei Todesstrafe verboten. Wer ein Flüchtlingslager irgendwo auf der Welt besucht, weiß, daß er keine Nahrungsmittel verteilen darf: Die Arbeit von Hilfsorganisationen wird auf unverantwortliche Weise erschwert, wenn Notleidende erfahren, daß Betteln ihnen helfen kann. Es sind nicht die Schwächsten, die noch die Kraft haben, die Besucher um Hilfe anzugehen. Die Bedürftigsten würden zu Tode gedrückt, wenn die Intensität der Bitten das Maß der Hilfe bestimmte.
Aber eine einzige, wenn auch noch so hilflose Geste wenigstens ist andernorts selbst im schlimmsten Elend möglich: die Berührung. Nicht einmal das geht noch in der Region um Goma. Ein weinendes Kind in den Arm zu nehmen, wäre lebensgefährlich. Es könnte bereits an Cholera erkrankt sein. In anderen Krisenregionen dürfen Berichterstatter glauben, daß die Hilfsorganisationen die Lage schon in den Griff bekommen werden. Hier haben sie öffentlich mitgeteilt, daß sie dazu außerstande sind. Wer unter diesen Umständen tatenlos bleibt, macht sich schuldig. Wer jedoch überleben will, bleibt tatenlos. Bettina Gaus
Umverteilung gegen rechts
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen