Zeitgeschehen: Sein Volk und sein Vermächtnis
Im Fichtenauer Ortsteil Unterdeufstetten gehört die Mehrheit der Bevölkerung der Minderheit der Jenischen an. Auch Jakob Kronenwetter, der die Geschichte der Jenischen gegen das Vergessen verteidigt. Die Nähe seines Dorfes zur AfD stellt ihn allerdings vor ein Rätsel.
Von Clara Heuermann
Eigentlich, erzählt Jakob Kronenwetter, wollte er ja Historiker werden. Geschichte wiederhole sich, ist der 77-jährige Marktverkäufer überzeugt, und liest mit bebender Stimme ein Zitat von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels vor: „Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen.“ Was das bedeuten kann, wenn Skepsis zu Hass und Ausgrenzung zu Auslöschung wird, weiß Kronenwetter als Angehöriger der Volksgruppe der Jenischen besonders gut. Die Minderheit wurde von den Nationalsozialisten verfolgt, viele ermordet. Ausgerechnet in seinem jenisch geprägten Heimatdorf Unterdeufstetten stimmten mehr als 42 Prozent der Bewohner:innen für die AfD.
Kronenwetter, ein älterer Herr mit weißem Schnauzbart und ansteckendem Lachen, ebenso gutbürgerlich wie das fränkische Unterdeufstetten im Nordosten Baden-Württembergs. Die angegrauten Einfamilienhäuser lassen kaum darauf schließen, dass ein Großteil der Einwohner Nachkommen eines Volkes fahrender Händler sind – zwischen 70 und 80 Prozent, schätzt Kronenwetter. Nur die kleinen Dinge geben noch Hinweis auf ihre nomadische Vergangenheit: das Mahnmal für die jenischen Opfer des Nationalsozialismus auf dem örtlichen Friedhof etwa. In Kronewetters Flur zeugt ein Stammbaum von der jenischen Abstammung seiner Familie bis ins 17. Jahrhundert, direkt gegenüber eine Staufermedaille, verliehen für sein jahrzehntelanges Engagement für die Kultur der Jenischen.
Um die Herkunft der etwa 250.000 in Deutschland lebenden Jenischen herrscht Unstimmigkeit, ebenso über ihren Status als Volksgruppe. Ende des 18. Jahrhunderts tauchte „Jenisch“ als Selbstbezeichnung zum ersten Mal auf, deren fahrende Lebensweise ist allerdings sehr viel älter. Dass sie keine Ethnie, sondern vielmehr die Selbstbezeichnung verschiedener nomadischer Bevölkerungsgruppen seien, behaupten die einen. Dass die über Jahrhunderte entwickelte Sprache, Kultur und Identität sie sehr wohl zum eigenen Volk machten, noch dazu ein gemeinsamer Ursprung nicht ausgeschlossen werden kann, sagen die anderen. Die Forschungen sind spärlich. Deshalb hat Kronenwetter in mehreren Büchern und einem eigenen Archiv über die letzten 35 Jahre zusammengesammelt, was ihm über seine Vorfahren noch bekannt ist.
Die Forschung zu Jenischen ist spärlich
Eine Zigarette nach der anderen zündet Kronenwetter sich an, als er beginnt zu erzählen. Früher arbeitete er im Straßenbau und als Lkw-Fahrer, bis er nach der Hochzeit mit seiner Frau Karin – ebenfalls Jenische – dem traditionellen Familiengeschäft nachging: dem Markthandel. Seine Großmutter ging noch mit selbstgemachter Bettwäsche hausieren, erinnert Kronenwetter sich, und sei damit zu einer der reichsten Frauen des Dorfes geworden. Das Ehepaar Kronenwetter ist auf Kinderklamotten umgeschwenkt: „Mini Macho“ steht auf den selbstbedruckten T-Shirts oder „Ich bin stark und groß durch Spätzle ond Soß“. Seit 50 Jahren zieht das Ehepaar auf die Märkte in der Umgebung, 200 Tage im Jahr standen sie zu Spitzenzeiten an ihrem Marktstand. Heute sind es immerhin noch über 100. Ihren Verkaufswagen haben sie mittlerweile abgegeben und auch der Wohnwagen, in dem sie früher jeweils mehrere Tage hintereinander durch das Bundesgebiet zogen, hat ausgedient. „Den muss ich jetzt verkaufen, da krieg‘ ich Tränen in die Augen“, klagt Kronenwetter, aber man werde eben älter.
Heute sind die meisten „Beton-Jenische“
Unterdeufstetten, Teilort der 4.500-Seelen-Gemeinde Fichtenau in Schwäbisch Hall,war Jahrhundertelang Winterquartier des fahrenden Volkes. Im 17. Jahrhundert begann in und um Unterdeufstetten der Landadel mit der Ansiedlung von Landfahrern und Flüchtlingen des Dreißigjährigen Krieges, viele davon Jenische. Ländereien, die sie hätten bewirtschaften können, erhielten die neuen Anwohner aber keine. Auf Märkte in sämtlichen deutschen Kleinstaaten, nach Ostpreußen, Südtirol und ins Elsass zogen die Händler, arbeiteten als Messerschleifer oder Kesselflicker. Heute verbringen die meisten Jenischen den Großteil ihres Lebens an einem festen Wohnsitz, so wie Kronenwetter, als „Beton-Jenische“. Grenzen überschreiten jene, die dem fahrenden Handel treu geblieben sind, nach wie vor kulturell wie ideologisch.
„Man hat Menschen kennengelernt, Mentalitäten“, erklärt Kronenwetter zurückblickend auf sein langes Händlerleben. Zum Beispiel als er und seine Frau als zwei der ersten westlichen Verkäufer auf Märkten der ehemaligen DDR auftischten.“ Vielleicht war es eben jener Einfluss verschiedenster mitteleuropäischer Kulturen deretwegen die Jenischen seit jeher auf Ablehnung unter der sesshaften Bevölkerung stießen. Als „Zigeuner“ galten sie, nicht fähig zur Anpassung, und erlebten jahrhundertelange Ausgrenzung, auch durch die Bauern in Unterdeufstetten.
In diesem Graubereich zwischen Zusammenarbeit mit den „Gadschos“, den Nicht-Jenischen, und dem gesellschaftlichen Rand, den diese Volksgruppe besiedelte, entwickelte sich die jenische Sprache. Aus Mädchen wird „Tschei“, aus Apfel „Bommerling“ und aus Katze „Schmaling“. Die Sprache war Identifikationsmittel, Fach- und Geheimsprache, die von ihren Sprechenden jahrhundertelang im Verborgenen gehalten wurde. „Je besser man über uns und unsere Kultur Bescheid weiß, umso besser kann man sie gegen uns verwenden“, sagte etwa der österreichisch-jenische Schriftsteller Romed Mungenast (1953 bis 2006). Die Angst war nicht grundlos. Als unter den Nationalsozialisten Andersartigkeit zum Todesurteil wurde, erlebte auch die Verfolgung der Jenischen ihren grausamen Höhepunkt.
Es gibt keinen offiziellen Ort des Andenkens
Wie viele von ihnen in Sachsenhausen, Dachau oder Auschwitz umgebracht wurden, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. „Sie sind als Asoziale eingeliefert worden“, erklärt Kronenwetter, oder als „Zigeuner-Mischlinge“. Viele seien sterilisiert worden, andere in Konzentrationslager verschleppt und ermordet, sämtliche Verbrechen an ihnen wurden in den darauffolgenden Jahren totgeschwiegen.
In der Erinnerung an die Jenischen sieht Renaldo Schwarzenberger, Vorsitzender des Zentralrats der Jenischen in Deutschland, bis heute Mängel. „In Berlin müsste längst schon ein Ort zum Andenken existieren, wie es ihn für die Sinti und Roma gibt“, sagt er, und in Schulbüchern zum Holocaust fänden die Jenischen keine Erwähnung.
Kronenwetter erinnert sich an die Gespräche der Unterdeufstettener Kriegsgeneration in seiner Jugend, über Bomben hatten sie geredet und über den Hunger, aber über die ermordeten Nachbarn niemals. Doch später, es war vielleicht 1990, nannte ihm ein Bekannter Namen: die Namen von fünf jenischen Einwohnern Unterdeufstettens, die damals mitgenommen wurden und nie zurückkehrten. Kronenwetter begann nachzuforschen, arbeitete sich durch Berge von Akten, stieß auf weitere Opfer aus dem Dorf: sechs im KZ ermordet, einer verschollen, einer von der SS erhängt. Kronenwetter wollte es nicht dabei belassen. Auf seine Initiative hin wurde 2014 ein Gedenkstein auf dem örtlichen Friedhof installiert, den er im Jahr 2019 um eine Tafel mit den Namen der Opfer ergänzte.
Nomadisch lebende Jenische gibt es heute noch, vor allem in der Schweiz. Rund zwei- oder dreitausend von insgesamt 30.000 Jenischen ziehen dort in Wohnwagen umher. Die Schweiz ist es auch, in der die Organisation „Pro Juventute“ in Zusammenarbeit mit den Behörden bis 1973 jenische Kinder aus den Familien nahm, um sie in Erziehungsanstalten, Heimen oder bei Pflegefamilien unterzubringen, wo sie häufig körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt waren. Der Schweizer Bundesrat verneinte Ende Februar, dass es sich um „kulturellen Genozid“ handelte, erkennt das Unrecht aber als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ an.
In der Schweiz eine Minderheit, in Deutschland nicht
2016 erkannte die Schweiz die Jenischen als nationale Minderheit an. In Deutschland ist ist diese Forderung des Zentralrats der Jenischen noch eine offene. Aber eine, die der Vorsitzende Schwarzenberger als existenziell für die Zukunft ansieht: „Für die Politik sind wir nicht-existent als Volk. Es ist eine Form von Ablehnung, Ausrottung – unsere Zukunft steht auf dem Spiel.“
Der Grund hinter der ablehnenden Haltung der Politik ist für Schwarzenberger klar: „Sie möchte keine fünfte Minderheit“ neben den Sinti und Roma, der dänischen Minderheit, der friesischen Volksgruppe und den. Wer wisse schließlich schon, welche weiteren Volksgruppen im Anschluss versuchen könnten, ihr Recht auf nationale Anerkennung geltend zu machen? Dabei, betont der Jenische, gehe es ihm nicht um die Gelder, die durch eine offizielle Anerkennung in die Arbeit zur Pflege jenischer Kultur fließen würden: „Uns bringt das einen gewissen Stellenwert in der Gesellschaft, damit wir vom Rand weiter in die Mitte rücken. Wir sind immer noch eine Randgesellschaft.“
Unterdeufstetten und das Nachbardorf Matzenbach, ebenfalls jenisch geprägt, gelten in der Region nach wie vor als verrucht. Nach einem verlorenen Fußballspiel seines Vereins gegen Matzenbach im Jahr 2022 bezeichnete ein Facebook-Nutzer die Einwohner:innen als „Katzenfresser“, das kostete ihn 500 Euro Strafe. Das Vorurteil, so Kronenwetter, gehe auf die große Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Wie an vielen anderen Orten seien die Menschen in dieser Zeit zum Essen von Haustieren gezwungen gewesen den Jenischen aber trage man es immer noch nach.
Vielleicht spielt ein Gefühl von Ausgrenzung und fehlender Anerkennung mit, aber eine schlussendliche Antwort darauf, warum die Zahlen für eine rechtsextreme Partei wie die AfD so hoch sind in einem Dorf, das untrennbar verbunden ist mit dem grenzüberschreitenden und von Verfolgung geprägten Erbe der Jenischen, weiß auch Kronenwetter nicht. „In die linke Ecke will ich nicht gestellt werden“, betont der CDU-Anhänger. Aber er habe Angst vor der politischen Zukunft. Und dennoch, streiten wolle Kronenwetter sich nicht mit den AfD-Wählern. Er erinnert sich an ein Zitat von Friedrich Schiller, auf das er im Zuge seiner Ahnenforschung gestoßen ist: „Siehe, wir hassen, wir streiten, uns trennen Neigung und Meinung. Aber indes ergraut sich dir die Locke wie mir.“
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