Zehn Jahre Radialsystem

Grausamkeit tanzt mit Empathie

Die Veranstaltungsreihe UM:LAUT präsentiert an zwei Abenden Ergebnisse ihrer interdisziplinären Arbeit.

Notwist-Frontmann Markus Acher aka Rayon stellt sein neues Album „A Beat of Silence“ vor Foto: Johannes Haslinger

Mit dem Radialsystem, das vor zehn Jahren in einem ehemaligen Abwasserpumpwerk mit integriertem Neubau in bester Spreelage eröffnete wurde, ist eine Spielstätte mit einem bemerkenswert interdisziplinären Programm entstanden. Seit fünf Jahren gibt es dort mit UM:LAUT eine Veranstaltungsreihe, die den genreübergreifenden Ansatz des Hauses auf eine manchmal leicht kunstbeflissene, meist aber experimentierfreudige und erfreuliche Weise auf den Punkt bringt: UM:LAUT hat sich zu einer Spielwiese entwickelt, die Schnittmengen zwischen Musikstilen erkundet und auf der Musiker sich auch in Gefilden ausprobieren können, mit denen man sie nicht auf Anhieb assoziiert.

Außerdem wird auf dieser Spielwiese auch der Austausch mit anderen Disziplinen gesucht, etwa mit dem Tanz (schließlich ist das Radialsystem auch ein Ort dafür: Sasha Waltz’ Tanzkompanie tritt nicht nur dort auf, sondern probt auch in den Räumen). Zudem zieht die Reihe ein aufgeschlossenes, interessiertes Publikum an – was für das Gelingen einer Veranstaltung wichtig, gerade im hyperanfälligen Berlin jedoch keineswegs selbstverständlich ist.

Anlässlich des Geburtstages gibt es nun zwei Abende, die die Qualitäten der Reihe illustrieren: Am kommenden Sonntag werden erst einmal experimentelle Klänge und Ausflüge in die weite Welt zusammengeführt. Ein solchen hat das britische Duo Piano Interrupted für sein aktuelles Album „Landscapes of the Unfinished“ (erschienen beim ambitionierten Denovali-Label) unternommen. Der Pianist Tom Hodge und der für elektronische Basteleien zuständige Franz Kirmann fuhren in den Senegal, wo Kirmann aufgewachsen ist, und luden lokale Musiker zu Live-Sessions ein.

Die auf YoutTube zu sehende Making-of-Doku übrigens lohnt sich. Mit den dort entstandenen Aufnahmen und Soundschnipseln aus dem senegalesischen Radio gingen Hodge und Kirmann, die sonst an der Schnittstelle von Minimalismus und clubkompatibler Electronica arbeiten, ins Studio und bastelten reduzierte, aber spannungsreiche Tracks. Zwar ist jedes Stück nach dem Musiker benannt, der ihn inspirierte, nach Weltmusik klingt das allerdings nie.

Die Sounds wurden dekonstruiert, zerhackstückelt und neu zusammengesetzt: ein globaler Sound der anderen Art. Der Sound von Westafrika scheint allenfalls als verblichene Postkarte wie durch Milchglas durch. Für das Duo war bei der Arbeit an dem Album wichtig, sich von den Live-Situationen anregen zu lassen, statt nur im Computer Sounds hin und her zu schieben.

Pausen, so wichtig wie die Töne

Etwas prominenter sind die Weltmusik-Anleihen beim Notwist-Mastermind und Frontmann Markus Acher, der am selben Abend auftreten wird. Acher veröffentlicht seinen Solo-Output seit Jahren unter dem Namen Rayon, mit diesem Projekt hat er unter anderem Soundtracks mit eher repetitiven Klangwelten geschaffen. Für das aktuelle Album, „A Beat of Silence“, das auf eine Einladung des Münchner Experimental-Festivals Frameless zurückgeht, ließ er sich von Gamelan anregen. Die traditionelle indonesische Musik beeinflusste auch zentrale Figuren der Minimal Music wie Steve Reich: Ensemblemusik, wie sie besonders auf den Inseln Java oder Bali gespielt wird und bei der perkussive Instrumente wie Glocken, Xylofone oder Gongs eine wichtige Rolle spielen. Wie der Albumtitel andeutet, sind Acher die Pausen zwischen den Tönen genauso wichtig wie die Töne selbst. Die wurden in dem Fall vor allem analog erzeugt. Allerdings waren keine traditionellen indonesischen Instrumente im Einsatz, sondern Klavier, Harmonium, Vibrafon, Marimbafon, Glockenspiel und Percussioninstrumente. Eher ging es Acher, so erklärt er in einem Interview, darum, eine Gamelan-Atmosphäre zu erzeugen, als Gamelan nachzubauen.

Unterstützt wird die Live-Premiere des Rayon-Albums von fünf Mitmusikern, unter anderem von Cico Beck aka Joasihno, der auch bei Notwist mittlerweile eine prominente Stelle besetzt – die, die früher Elektroniktüftler Martin Gretschmann hatte. Bei sechs Musikern auf der Bühne darf man davon ausgehen, dass das Ganze dynamischer klingt als das verfrickelte Album, auf dem die Sounds eher lose miteinander verknüpft sind.

Drei Wochen später geht die Geburtstagssause weiter mit einem weiteren Gastspiel des Londoner Tanzensemble Neon Dance, das vor drei Jahren an gleicher Stelle mit dem großartigen Tanzduett „The Intention“ auftrat, seinerzeit begleitet vom Pianisten Nils Frahm und der Cellistin Anne Müller. Diesmal sind für das Stück „Empathy“ fünf Tänzer auf der Bühne, die Musik kommt von Mads Brauer und Casper Clausen (von den dänischen, in Berlin arbeitenden Experimental-Indie-Bands Efterklang und Liima) und von Shahzad Ismaily und Gyða Valtýsdóttir (von der Pop-Band Múm aus Island).

Inspirationen für das mit Lasertechnik in Szene gesetzte Tanztheater um die menschliche Fähigkeit zum Mitgefühl (und dessen Mangel) gaben übrigens die Forschungen des Cambridge-Professors Simon Baron-Cohens („Zero Degrees of Empathy“). In gruseligen und dunklen Zeiten wie diesen ist es vielleicht gar keine schlechte Idee, Grausamkeit und Empathie einfach einmal zusammenzuführen und miteinander tanzen zu lassen.

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