ZDF-Doku „Das letzte halbe Jahr“

Mit 15 hat man noch Träume

Wenn im Ort die Schule nur bis zur 10. Klasse geht, steht früh die erste Trennung an. Im ZDF werden 15-Jährige auf ihrem Weg zum Abschluss begleitet.

Ein Mädchen trägt eine Gesichtsmaske und Gurkenscheiben auf den Augen

So viel Zeit muss sein: Hanna mit Gesichtsmaske vor dem Abschlussball Foto: Andreas Köhler/ZDF

„Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF ist so eine Institution, um die es einem immer etwas bange ist. Wie lange wird sich der Haussender von Peter Hahne, Carmen Nebel und Richard David Precht diese eine letzte Spielwiese für den jungen und experimentellen Film überhaupt noch leisten?

Wie schwierig es für den kleinen Film ist, hat erst in der vergangenen Woche der andere, noch größere öffentlich-rechtliche Sender bewiesen, als er seinen für den frühen Mittwochabend geplanten, großartigen, harten, spröden Film „Über Barbarossaplatz“ auf einen viel späteren Termin am Dienstagabend strafversetzte. In „Über Barbarossaplatz“ wurde auch Rainer Werner Fassbinders „Händler der vier Jahreszeiten“ zitiert: ein einst (1971) vom „kleinen Fernsehspiel“ des ZDF geförderter und gesendeter Film.

Heute Abend nun zeigt „Das kleine Fernsehspiel“ die Doku „Das letzte halbe Jahr“. Auf der Presseseite des ZDF wird der um 23.50 Uhr ausgestrahlte Film von Anna Wahle als „Kinder-/Jugendfilm“ angekündigt – vermutlich weil seine Protagonisten alle 15 Jahre alt sind. Aber das ist gar nicht mal der Punkt. Coming-of-Age-Filme sind ein absolut klassisches Genre. Mit den erst zwölfjährigen Jungs aus Rob Reiners „Stand by Me“ von 1986 kann man auch volljährig noch gut mitfiebern. Die erleben allerdings auch was. Das ist dann schon eher der Punkt.

Josh, Hannah, Laura, Leonie, Philipp und Tobi wohnen alle im nordhessischen Neukirchen. „Ich glaub, wenn man alt ist, kann man hier gut leben. Aber wenn man 15 ist, ist es echt scheiße“, sagt Josh ganz am Anfang aus dem Off. Das denken natürlich alle Fünfzehnjährigen über ihren Wohnort, immer schon, vor allem aber wenn sie, wie die meisten Jugendlichen in Deutschland, irgendwo auf dem Land aufwachsen.

Mo., 3.4., 23.50 Uhr, ZDF, "Das letzte halbe Jahr"; Doku (D 2016) von Anna Wahle

Nichts wie raus also aus dem Einfamilienhausidyll – sein Abitur möchte Josh im 123 Kilometer entfernten Frankfurt machen. So erklärt sich der Filmtitel: Die örtliche Steinwaldschule geht nur bis zur zehnten Klasse, die ist in sechs Monaten vorbei, danach werden sich die sechs Fünfzehnjährigen auf verschiedene auswärtige Schulen – in Alsfeld oder Melsungen oder auch Frankfurt – verteilen. Der Film begleitet sie auf diesem letzten gemeinsamen halben Jahr, am Ende stehen Prüfungen und eine Art vorgezogene Abi-Feier an.

Was anziehen? Und was antworten?

Da stellt sich zum Beispiel für Leonie die ohnehin existenzielle Frage – was anziehen? – in verschärfter Weise: „Ich bin trotzdem total unentschlossen. Hab in den letzten Wochen bestimmt 30 Kleider bestellt.“ Man geht, wie alle neunten oder zehnten Klassen, zusammen ins Berufsinformationszentrum (BIZ): „Im Moment gibt es in Deutschland über 16.000 eigenständige Studienzweige.“ Hoppla, das sind ja ein paar mehr geworden seit … Und was Josh dann passiert: „Jule hat geschrieben, ob sie mich auf dem Festnetz anrufen kann. Das hat sie noch nie gemacht.“ Seine Freundin wird telefonisch mit ihm Schluss machen – das allerdings hat es früher schon gegeben.

Ganz normale Fünfzehnjährige haben hier die Probleme von ganz normalen Fünfzehnjährigen. Der Einzug der sogenannten sozialen Medien hat nur zur Folge, dass der Zuschauer die Jugendlichen nun ständig vor dem Computer oder mit dem Smartphone auf dem Bett sitzen sieht. An der Visualisierung der digitalen Kommunikation haben sich schon viele Filmemacher versucht. Anna Wahle zeigt anstelle von abgefilmten echten lieber animierte Bildschirmoberflächen. Was für den Zuschauer die Lesbarkeit erleichtert. Mehr aber auch nicht.

„So entsteht auf authentische, witzige und zugleich berührende Weise eine Erzählung von den Turbulenzen des Heranwachsens jenseits der Großstädte“, verspricht das ZDF. Mit der Authentizität ist das so eine Sache beim Dokumentarfilm. Als vor zehn Jahren „Prinzessinnenbad“, jener tolle Coming-of-Age-Dokumentarfilm über drei fünfzehnjährige Mädchen in Berlin-Kreuzberg, auch für seine Authentizität hochgelobt wurde – haben sich die Mädchen hinterher bitter beklagt. Sie fanden sich von der Regisseurin bloßgestellt, in Rollen gesteckt.

Mag sein, dass Anna Wahle genau das nicht wollte. Mag sein, dass die Einblicke in die Leben von Josh, Hannah, Laura, Leonie, Philipp und Tobi genau deshalb so banal aussehen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de