YouTube-Castingshow „Prototyp Rapstar“: Ich bin ein Star, holt mich hier rein
In „Prototyp Rapstar“ sucht unter anderem Sido nach dem besten Rapper Deutschlands. Und die Frage ist: Tut es wirklich jedem gut, berühmt zu werden?
Oh, da schreit gerade einer mit weit aufgerissenen Augen den Rapper Sido an, als ginge es um sein Leben, und man fragt sich, ob da gleich wer aufs Maul bekommt.
Der Ort: eine angemietete Villa auf Ibiza. Der Grund: Besagter Mann, ein Frankfurter, der sich selbst den Namen Roccy069 gegeben hat, will ein Star werden, ein Rapstar, um genau zu sein.
Die Szene stammt aus der YouTube-Castingshow „Prototyp Rapstar“; und wenig später, Roccy069 steht immer noch schwer atmend und mit starrem Blick vor Sido und drei anderen Rappern, die die Jury darstellen, da ergreift ein anderes Jurymitglied, der Berliner Ali Bumaye, das Wort. „Ich mache keinen Spaß, ich mache mir Sorgen um dich, geht es dir gut?“, fragt er, macht eine kurze Denkpause und setzt nach: „Dass du es schaffen kannst, dass du ein krasser Rapper bist, das steht außer Frage. Aber tut man dir einen Gefallen damit?“ Stille. Was war denn das, fragt man sich?
Um zu verstehen, warum diese Szene so wichtig ist, muss man die Bedingungen dieses besonderen Formats nachvollziehen. Einem Format, in dem es vielen der Beteiligten um alles geht, also im wahrsten Sinne um ihr Leben. Ein Format, das so gut wie kein anderes postmigrantische Lebensrealitäten nach außen trägt, Bedürfnisse und Erzählungen offenlegt, die sonst wenig Gehör finden. Was also ist „Prototyp Rapstar“ für eine Show und warum sollte man sie sich ansehen, obwohl vieles schiefläuft?
Ist Sido jetzt der Dieter Bohlen des Rap?
Vielleicht gerade deswegen. Denn der Dilettantismus dieser YouTube-Show kann nicht mit „DSDS“ oder „The Voice“ mithalten. Das ist kein großes Fernsehentertainment, da ist kein Netflix-Budget dahinter. Alles sieht irgendwie provisorisch aus, die Beleuchtung, die Bühnengestaltung, die blöden Energydrinks und Nikotinzahnstocher, die aus Werbegründen immer irgendwo platziert sein müssen. Selbst die Villa auf Ibiza, in die sich die Teilnehmenden einige Folgen lang zurückgezogen hatten, war ziemlich, na ja, unspektakulär.
Und die Jury? Ist Sido jetzt der Dieter Bohlen des Rap? Eher der liebe Onkel, der seinen Schützlingen Schulter tätschelnd dabei hilft, neue Reime für alte Motive (Geschichten über Hustle und Struggle) zu finden. Oder Massiv, man kennt ihn als Schauspieler aus der Serie „4 Blocks“, der alle als „Bruder“ und „Schwester“ bezeichnet und es gut meint mit seinen Schützlingen. Es geht erstaunlich wohlwollend zu, dafür, dass hier immer noch das kompetitivste aller Musikgenres im Fokus steht. Doch im Inneren der Teilnehmenden brodelt’s.
Denn wichtig, es geht in dieser Show wie gesagt um alles, um nicht weniger als eine Idee davon, wie ein Klassenaufstieg und eine Karriere als Künstler:in schmecken könnte: 100.000 Euro und ein Labeldeal sind die Zauberformel, die junge Männer (und einige wenige Frauen) hier so zum Schreien bringt.
Das ist der Preis für Platz 1 und auch Platz 2 und 3 bekommen hohe Summen überwiesen und einen Vertrag. Im besten Fall erwartet sie eine Karriere. 100 Teilnehmende gab es in Folge 1, mittlerweile sind nur noch 16 Personen übrig. Jede Runde müssen sie einen neuen Song schreiben und aufnehmen, ein Härtetest und eine Übung in Sachen Disziplin – und rein künstlerisch dann doch eine größere Aufgabe, als, wie etwa bei DSDS, fremde Songs zu performen. Soweit zu den Bedingungen. Doch was macht das mit den Teilnehmenden, ist die Frage?
jeden Donnerstag auf YouTube: https://www.youtube.com/@prototyprapstar
Haus reimt sich nicht nur auf Maus
Die gute Nachricht ist: Gemobbt wird hier nicht. Die bohlenhafte Kommentierung der Körper gibt es genauso wenig wie überhaupt Talentlosigkeit.
Die Top 100 wurden weise vorselektiert. Alle Teilnehmer:innen beherrschen ihr Handwerk, können mit ihrer Stimme umgehen, wissen, dass es außer Haus noch andere Reime auf Maus gibt. Es geht jetzt nur noch darum, den Star unter den Talenten zu finden.
Und Star, das bedeutet, wie schon Diedrich Diederichsen in seinem monumentalen „Über Pop-Musik“ sinngemäß umschrieb, eben nicht nur, ein guter Musiker zu sein, sondern auch Performance, Bewegung, Interaktion mit dem Publikum, so was. Und es bedeutet im Falle vom immer nach Authentizität lechzenden Rap auch, dass da eine gute Geschichte mitschwingen muss. Womit wir zurück zu Roccy069 kommen und zur Intervention der Jury, die einen interessanten Konflikt offenbart, der in „Prototyp Rapstar“ offengelegt wird.
Es steht – und das nicht erst seit der Haftbefehl-Doku – die Frage im Raum: Wie authentisch darf man als angehender Star überhaupt noch sein, ohne sich zugrunde zu richten? Eigentlich ist „Prototyp Rapstar“ eine Show für Musikfans. Den Hauptteil der Folgen sieht man Rapper:innen Songs performen. Doch es gibt Zwischenszenen, in denen man etwas über die Menschen dahinter erfährt.
Eine gute Nachricht
Roccy069, der junge Mann, der Sido angeschrien hat, erzählt dann, dass er ohne Eltern aufgewachsen sei, mit einem Freund unter der Brücke geschlafen hat, sich immer irgendwie durchschlagen musste. Die Rapperin Sazou spricht über ihre posttraumatische Belastungsstörung. Ein junger Mann namens Emmo Tzubasa, der einen eindringlichen Song über häusliche Gewalt performt, ist eigentlich in einer psychiatrischen Einrichtung und darf für die Show immer wieder auf die Bühne.
In diesen kurzen Sequenzen, in denen sich die Personen abseits der Musik öffnen, geht es um Gefängnisaufenthalte, Gewalterfahrungen, Existenzängste. Um den Abfuck von Personen mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Es geht um Lebensrealitäten aus der somalischen oder der türkischen Community, um das Abbild einer postmigrantischen Gesellschaft, die man so weder bei großen Fernsehsendern noch bei Streaminganbietern zu sehen bekommen würde. Das macht die Show auch interessant für Menschen, die mit Rap nicht viel anfangen können.
Die Frage ist nur, und damit kommen wir zurück zu Jurymitglied Ali Bumaye: Wem tut man einen Gefallen damit, diese Geschichten in die Öffentlichkeit zu ziehen, bevor sich die Protagonisten genug mit sich selbst beschäftigt haben?
Das ist die große Aufgabe der Jury und der Show: zu selektieren, wer nicht nur Talent hat, sondern auch die mentalen Kapazitäten dazu, ein Star zu sein, permanent im Fokus zu stehen und damit auch loszulassen von dem Gedanken, dass alles um jeden Preis authentisch sein muss. Die gute Nachricht ist: Sido und den anderen scheint genau das zu gelingen.
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