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Wolfgang Weber Abenteuer Hemdenkauf

Dieses Hemd kann ich Ihnen nicht verkaufen“, sagte die Verkäuferin. „Darin sehen Sie dick aus.“ Mit diesen Worten nahm mir die resolute Einzelhandelsfachkraft im besten Alter das schwarz-grau längsgestreifte Oberteil aus der Hand und hängte es wieder zurück an jene Stelle, an der ich es Minuten zuvor nach langer Suche entdeckt und herausgenommen hatte. Meine Gefährtin und ich schauten uns an und mussten ein bisschen grinsen. Da geht man einmal im Urlaub shoppen und dann so was.

„Ich kaufe es trotzdem“, flüsterte ich und machte mich unauffällig auf den Weg zu dem schicken Objekt meiner Begierde, das wieder brav und stumm an seiner Stange herumhing. Aber ich hatte die Rechnung ohne die ausgefuchste Verkäuferin gemacht. Sie blickte mich aus etwa 20 Metern Entfernung äußerst streng an und machte ebenfalls ein paar Schritte in Richtung des begehrten Kleidungsstückes. Dabei wirkte sie, als wollte sie sagten: „Wagen Sie es bloß nicht, das Hemd ohne meine Erlaubnis zu kaufen! Sie kriegen dieses Hemd nicht, denn es steht Ihnen nicht und Sie sehen total Scheiße darin aus. Basta!“

Ich schreckte zurück. Was tun? Nun wollte ich dieses gottverdammte Oberteil erst recht haben! Ich musste warten, bis die schreckliche Frau abgelenkt war. Aber im Moment wurde sie von keinem anderen Kunden angesprochen und behielt mich noch eisern im Blick – sie erinnerte mich an einen bissigen Hund, der Haus und Hof vor Eindringlingen beschützt. Wer weiß: Vielleicht war sie sogar bewaffnet. Auf alle Fälle sah sie aus, als könne sie gut mit einem Gewehr, einem Nudelholz oder einer Machete umgehen …

Jetzt herrschte eine Pattsituation. Die gnadenlose Verkäuferin ließ mich zwar in Ruhe, aber nur so lange, wie ich mich dem Hemd nicht näherte. Sie hatte sich offenbar geschworen, diesen Kauf unter allen Umständen zu verhindern. Vielleicht bekam sie dafür ja sogar eine Nicht-Verkaufs-Prämie.

Minutenlang tigerte ich hin und her, immer in gebührendem Abstand zu dem Hemd und der angsteinflößenden Gouvernante. Doch dann kam mein Moment: Ein anderer Kunde, der sehr unschlüssig wirkte, sprach die Frau an, fragte irgendwas und sie passte kurz nicht auf. Und ließ mich für einen winzigen Moment aus den Augen. Jetzt oder nie! Ich rannte so schnell wie der Roadrunner zu „meinem“ Hemd, riss es von der Stange herunter und rief zu meiner Gefährtin: „Lauf! Schnell! Nimm Du den Aufzug, ich nehme die Rolltreppe! Wir treffen uns beider Kasse im Erdgeschoss!“

Dann rannten wir in getrennten Richtungen davon und im Augenwinkel nahm ich noch den entsetzten Blick meiner überraschten Todesfeindin wahr, die in diesem Augenblick begriffen hatte, dass ich der Gewinner und sie der Loser war. An der Kasse angekommen, zahlten wir schnell und hauten ab. Zu Hause probierte ich das neue Kleidungsstück vor dem Spiegel an. Komisch. Irgendwie sah ich dick darin aus.

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