berliner szenen: Wo Fuchs und Krähe sich zwicken
Hysterisches Geschrei aus dem Nachbargarten: „Verschwinde! Hau ab!“ Dazu heftiges Händeklatschen. Nanu, ist der Ex-Gatte überraschend zu Besuch gekommen? Durchs dichte Gestrüpp ist nichts zu sehen. Da flitzt etwas Rötliches durch unseren Garten, macht hinten beim Schuppen Halt und fixiert mich. Ich erstarre zur Salzsäule. Ein kleiner Fuchs kommt zögerlich näher und widmet sich dem Vogelfutter unter der Kiefer. Anscheinend ist heute Veggie-Day.
Ob er bei uns die Tüten mit Blumenerde aufnagt, die Blumen plattsitzt und die Putzlappen im Garten verteilt? In Berlin soll es fast so viele Füchse wie Einwohner geben. Angeblich lauern sie vor Supermärkten, verfolgen Spätheimkehrer aus dem Biergarten und durchqueren frech Gartenlauben. Sie buddeln Löcher in gepflegtes Grün und sammeln alte Schuhe. Bei mir sind auch schon zwei Paar verschwunden. Großstadtmärchen zufolge überqueren sie belebte Straßen nur, wenn die Ampel grün ist.
Ich sitze immer noch ganz still. Jetzt nähert sich eine Krähe dem Jungfuchs. Sie zwickt ihn in den Schwanz und hüpft blitzschnell beiseite. Er dreht sich verwundert um, macht eine halbherzige Drohgebärde und frisst weiter Vogelfutter. Sofort zwickt ihn die Krähe zum zweiten Mal in den Schwanz. Er legt die Ohren an und macht einen Schritt auf sie zu. Aber sie ist längst wieder weit genug entfernt. Das Spiel wiederholt sich an die zehn Mal. Die Krähe zwickt, der Fuchs ist erstaunt. Der Krähe scheint das sichtlich Spaß zu machen. Ich würde das gern fotografieren, aber die Kamera liegt im Zimmer. Wenn ich aufstehe, verscheuche ich die beiden. Hinten im Garten schaut ein großer Fuchs um die Ecke. Die Krähe fliegt laut schimpfend aufs Dach. Der Welpe rennt sofort zur Mama und beide enteilen. Geschrei aus dem Nachbargarten: „Verschwindet!“
Gabriele Frydrych
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