: Wird Ossihasser „Motzki“ zum Politikum?
■ Reaktionen auf die erste von 13 Folgen über den miesen Dauernörgler aus dem Wedding
Berlin. Ein glatzköpfiger Frührentner aus dem Wedding, der montags „seinen Scheißtag“ und mittwochs „seinen Pißtag“ hat, seinen Mantel „mit den Knöpfen nach rechts“ aufhängt und seiner Schwägerin aus Sachsen – der „blöden Ostkuh“ – vorwirft, „nicht so deutsch wie wir“ zu sein – dieser „Motzki“ soll allen Ernstes die Nation entzweien?
Schon gestern wurden die ersten Stimmen nach der sofortigen Einstellung der Serie laut. Allen voran Politiker, die endlich eine Chance sehen, sich in konkreter Weise für ihre Brüder und Schwestern im Osten einzusetzen. Nach dem Willen von Klaus Landowsky, dem Vorsitzenden der Berliner CDU-Fraktion, für den Motzki „'ne Menge Unsinn aus der ersten Reihe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ darstellt, soll die erste Folge „auch die letzte gewesen sein“. Die Komitees für Gerechtigkeit haben sich anscheinend noch nicht kurzgeschlossen ob einer eindeutigen Haltung für oder wider den Ossihasser „Motzki“. Manfred Behrendt, Prenzlberger Gerechtigkeitskämpfer, fühlt sich jedenfalls „als Ostler nicht angegriffen“ und hält Motzki schlichtweg für „künstlich“. Seiner Meinung nach gibt es keinen so ausgeprägten Nörgler wie Motzki. Wahrscheinlich wird er ihn nicht wieder ansehen. Hartmut Wenk, ein Hohenschönhausener Gerechter, der mit seinem Urteil beileibe nicht alleine steht, spricht von einem „Skandal“ und ist „schockiert, daß man so was bringt“. Er schließt sich Landowsky an, daß die Serie „nicht zum Zusammenwachsen zwischen Ost und West“ beitrage.
Der WDR, erfüllt von der Hoffnung, daß Motzkis Pöbeleien „wie ein reinigendes Gewitter wirken“, erhielt aufgrund der in der Bild- Zeitung vorab abgedruckten Motzki-Sprüche schon vor Ausstrahlung des ersten Teils Anrufe, in denen von „Volksverhetzung“ die Rede war, so WDR-Redakteur Horst Königstein in einem Gespräch mit der taz. Nach der Ausstrahlung am Dienstag abend – fast 8,4 Millionen Zuschauer sahen „Motzki“ – waren 85 Prozent der etwa 60 Anrufer, die sich darüber beschwerten, daß die armen Menschen im Osten bloßgestellt würden, aus dem Westen. Viele Anrufer gingen noch weiter als Landowsky und forderten, daß man die Produzenten und Rundfunkanstalten „an die Wand stellen müßte“. 90 Prozent der gestrigen Anrufer waren, nachdem sie eine Nacht drüber geschlafen hatten, begeistert von Motzki und verglichen ihn sogar mit Monty Python. Viele klagten aber darüber, daß Motzkis (nur wenig sächselnde) Schwägerin Edith „als Widersacher zu schwach sei“.
Auf der von SFB 2 eigens eingerichteten „Motzki-Hotline“ gingen nach Auskunft eines SFB-Kollegen vorwiegend „negative Anrufe“ ein. Im unmittelbaren Anschluß an die Sendung wollten einige hundert Anrufer „gleich ihren Ärger loswerden“. Etwa 80 Prozent der Anrufer waren „stinksauer“, und die Empörung war in Ost und West gleichermaßen groß. Ein Anrufer fand Motzki „schlimmer als den übelsten RTL-Softporno“, und eine Frau aus den neuen Ländern hatte nach der Sendung tatsächlich „Angst, Urlaub im Westen zu machen“. Barbara Bollwahn
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