Wintersport als Spaßbad: Fun, Fun, Fun
Ist es schon so weit, dass Snowboard altmodisch wirkt? Ja, isso, schließlich springt hier niemand Pirouetten. Die Snowboarder selbst aber wehren sich.
Australische Fans ziehen mit ihren grün-gelben Perücken durch den Ort. Manchen ist anzusehen, dass in den Bars von Livigno auch schon um 11 Uhr vormittags etliche Gläser Aperol Spritz über die Theken gehen. Manch einer trägt ein aufblasbares Känguru mit sich herum. Fans aus England, die aussehen wie Fans aus England eben oft aussehen, nur wärmer angezogen, postieren sich sehr früh vor den finalen Läufen im Snowboardcross direkt hinter dem Zaun zum Zielbereich im Snowpark.
Aus den USA und Kanada sind jede Menge junger Leute da. Und als einmal Mitglieder des Teams aus Neuseeland vor den Tribünen so finster dreinblickend, wie es sich eben gehört, einen Hakka aufführen, jubeln ihnen hinterher jede Menge junger Landsleute zu.
Es sind Bilder, die Eindruck machen – auch beim Internationalen Olympischen Komitee. Sie stehen dafür, dass Wintersport Zukunft hat. Schon nach den Sommerspielen von Paris hatte das IOC festgestellt, dass es sich gelohnt hat, Sportarten wie Skateboard oder 3×3-Basketball ins olympische Programm zu integrieren.
Welche Sportart ist noch attraktiv genug?
Endlich konnte man mal wieder junge Leute für die Olympischen Spiele begeistern. Schnell war der Entschluss gefasst, weiter am olympischen Programm zu schrauben. Und auch eine Disziplin, die oben in Livigno direkt neben den Funsportarten ausgetragen worden ist, muss um seine olympische Zukunft fürchten: der Parallelriesenslalom mit dem Snowboard.
Auf einem abgesteckten Kurs gegeneinander um die Wette zu fahren, ohne dabei ein paar Salti oder Schrauben in der Luft zu drehen, könnte nicht mehr attraktiv genug sein für die Macher von Olympia. Als IOC-Präsidentin Kirsty Coventry drei Tage vor den Spielen ihre erste programmatische Rede hielt, sagte sie: „Ich weiß, diese Diskussionen können und werden wahrscheinlich unbequem sein, aber sie sind nötig, wenn die Spiele auch für die kommenden Generationen stark sein sollen.“ Neben der Nordischen Kombination ist auch der Parallelriesenslalom schon länger unter Beobachtung.
Bei dem stehen keine Aussis oder Kiwis im Zielraum. Er zieht eher ein klassisch, alpines Publikum an. Das alpine Snowboarden lebt auch nicht vom Nervenkitzel wie die anderen Disziplinen im Snowpark. Die unfassbare Höhe, in die sich ein Snowboarder in der Halfpipe katapultiert, sorgt für Aufschreie im Publikum, das sich längst daran gewöhnt hat, dass die sonst so allgegenwärtige Partymusik verstummt, wenn ein Sportler seinen Sprung nicht steht. Wenn der Gestürzte wieder steht oder abtransportiert ist, geht die Party weiter.
Gaudikultur? Hier nicht so
Beim Snowboardcross gehört das Kreischen ebenfalls zu den Standradlauten aus dem Publikum, das immer dann besonders aufgeregt ist, wenn sich Athlet:innen so nahe kommen, dass sie sich gegenseitig zu Sturz bringen könnten. Das um die Wette-Fahren im Parallelriesenslalom kann da nicht mithalten.
Auch die Gaudikultur ist den alpinen Snowboardern nicht ganz so eigen wie den Flug- und Nahkampfkünstlern auf dem Brett. Die wird in der Halfpipe, an der Big-Air-Schanze und auch der Cross-Strecke regelrecht zelebriert. Da redet man zwar auch von harter Arbeit, die Grundlage für den Erfolg sei, aber ohne das Wort „Fun“ kommt fast keine Äußerung aus.
Nach dem Finale des Mixed-Wettbewerbs im Snowboardcross am Sonntag meinte Charlotte Banks, die zusammen mit Huw Nightingale das erste Gold auf Schnee für Großbritannien gewonnen hat, dass ihr Trainer vor dem Finale einfach nur gesagt hat, sie solle Spaß haben. Und ihr Kollege wurde gar nicht mehr müde zu betonen, wie sehr er sich nun auf die Party freue, bei der er es so richtig krachen lassen wolle.
Derweil versuchen die alpinen Snowboarder auf Social Media die Kampagne für den Olympiastatus ihrer Sportart am Leben zu halten, die sie kurz vor Beginn ihrer Wettbewerbe gestartet hatten. Unter dem Hashtag #keeppgsolympic haben alle Spitzenathletinnen und -athleten Videos mit ihrer Botschaft gepostet. Esther Ledecka, die tschechische Schneesportlegende, die Olympiasiege mit dem Snowboard und auf Skiern vorzuweisen hat, führt die Kampagne an. 1,5 Millionen Aufrufe hat ihr Video, in dem sie sagt, sie hätte in diesem Jahr auch auf Skiern antreten können, habe sich aber für Snowboarden entschieden, weil das ein so wunderbarer Sport sei.
Gold gewonnen hat diesmal ihre Landsfrau Zusana Maděrová. Die spricht in ihrer Videobotschaft von Geschwindigkeit und Freiheit. Vielleicht ist das der Ton, der beim IOC verfängt. Benjamin Karl, Olympiasieger bei den Männern, macht den Vergleich mit den alpinen Skifahrern auf. „Wir machen nichts anderes als die“, sagt er und verweist auf Teilnehmende aus 32 Nationen. Bei der Qualifikation zum Finale auf der Halfpipe waren gerade einmal Athleten aus elf Ländern am Start.
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