Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga: Im Dienst der Menschheit

Der Fußball setzt auf eine Sonderbehandlung. Darüber ließe sich trefflich streiten. Stattdessen wird über Kicker mit Masken debattiert.

vier Menschen mit Mundschutz im Fanshop

Fototermin mit Maskenpflicht: Die Bayernspieler Joshua Kimmich und Javi Martinez mit ihren Chefs Foto: FC Bayern München/dpa

Eigentlich sollte man sich nicht mehr darüber wundern, dass um jede Schnapsidee, die rund um den Profifußball artikuliert wird, eine Debatte entbrennt, von der die Teilnehmer dann auch noch denken, sie sei wichtig. Eigentlich. Aber wie soll man reagieren, wenn einen der eigene Arbeitsminister, Hubertus Heil, mit dicken Lettern aus der Boulevardpresse mit dem Satz anschreit: „Ich halte Spiele mit Masken für nicht vorstellbar.“ Ach was?

Der heiße Scheiß, der an diesem Wochenende zum Thema „Wiederaufnahme der Bundesliga“ verhandelt wurde, war doch tatsächlich eine Anmerkung in einem internen Schreiben im Bundesarbeitsministerium, in der das DFL-Konzept auf arbeitsschutzrechtliche Vorschriften hin geprüft worden ist. Statt also über die Sonderbehandlung von Profis durch prophylaktische Tests auf das Coronavirus zu debattieren, wurde über eine Maskenpflicht auf Bundesligaplätzen gestritten. Wer ein Verschwörungstheorie-Gen in sich trägt, muss zu dem Schluss kommen, dass es sich hier um ein perfekt inszeniertes Ablenkungsmanöver handelt.

Man darf jedenfalls gespannt sein, welche absonderlichen Ideen noch ernsthaft diskutiert werden, bevor der Ball wieder rollen darf. Wie wäre es mit einem Mindestabstand von 1,50 Metern bei Zweikämpfen? Es findet sich bestimmt ein Schiedsrichter, der sich in aller nun wahrlich nicht gebotenen Ernsthaftigkeit darüber beklagen wird, dass das nur schwer zu überprüfen ist.

So wie es der ehemalige Fifa-Referee und ebenfalls ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Heynemann beim Thema Spielermaske getan hat. Der hat über die Bewegtbildschleuder der Bild-Zeitung über noch gar nicht formulierte Durchführungsbestimmungen schwadroniert, nach denen das Verrutschen der Maske geahndet werden müsse. Das führe dann dazu, dass ein Spiel neun Stunden dauert. Oje.

Infektiöse Areosole

Derweil machen sich bestimmt schon nimmermüde Kritiker des Videobeweises warm für heiße Diskussionen über vom VAR aberkannte Tore nach Verletzung des Abstandsgebots. Wird eine wie auch immer kalibrierte Linie an der Stiefelspitze gezogen oder am Spielermund, von dem aus infektiöse Aerosole ihren Angriff auf den Spielbetrieb in der Liga starten könnten?

Es werden bestimmt noch jede Menge Säue durchs Fußballland getrieben, bevor die Bundesliga wieder angepfiffen wird. Schließlich geht es, wie es Augsburgs Trainer Heiko Herrlich formuliert hat, um das „Überleben einer ganzen Branche“. Für Hans-Joachim aka Aki Watzke, den Vorstandschef von Borussia Dortmund, ist ebenfalls klar: „Es geht ja hier um die Rettung des Fußballs.“ Und wie meinte Limo Leipzigs ehemaliger Trainer Ralf Rangnick? Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs sei aus psychologischer Sicht „für die gesamte Menschheit“ wichtig. Was Rangnick eigentlich derzeit beruflich mache, mag man sich nach dieser Einlassung fragen. Nun ja, er ist „Head of Sport and Development Soccer“ bei einem international erfolgreichen Getränkehersteller. Kopf, nun ja.

Derweil salbadert ein Zukunftsforscher namens Tristan Horx davon, dass der Fußball sich neu justieren und entschleunigen wird. Was den jungen Mann (26) zu dieser Aussage qualifiziert, außer seinen biologischen und geschäftlichen Beziehungen zu Matthias Horx, Oona Horx-Strathern und Julian Horx, mit denen er zusammen die „Zukunftsinstitut Horx GmbH“ bildet, weiß man nicht so recht. Wovon man aber ausgehen darf: Die Entschleunigung des Fußballs macht „Junior-Futurist“ (www.horx.com) Tristan Horx nicht am Spieltempo fest. Einen neuen Günter Netzer wird es also auch nach Corona nicht geben im deutschen Fußball. Könnte sich dazu nicht auch mal jemand äußern? Der Sportminister vielleicht? Oder wenigstens Gerhard Delling?

In echt: Wenn es die Liga wirklich schafft, Öffentlichkeit und Politik von einer baldigen Aufnahme des Spielbetriebs zu überzeugen, dann wird gespielt, wie Fußball eben gespielt wird. Aber was tun, damit nicht allzu große Jubelfeiern ausbrechen, wenn das Titelrennen entschieden ist? Dafür gibt es eine bewährte Lösung: Bayern wird Meister.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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