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Foto: Anna Chumburidze
Von Eva Behrendt
Die Rustaveli-Avenue ist eine Matschgrube. Seit Juni wird Tbilissis Flaniermeile, die vom Freiheitsplatz an Parlament, Museen und Jugendstilpalästen vorbei bis zum Konzerthaus führt, einer mindestens viermonatigen Renovierung samt Komplettsperrung unterzogen. Das betrifft auch die Proteste, die hier seit dem 28. November 2024 – dem Tag, an dem die prorussische KO-Regierung die Beitrittsverhandlungen mit der EU einstellte – allabendlich stattgefunden haben und den Regierenden ein Dorn im Auge sein dürften. Doch die inzwischen geschrumpften Demos gehen trotzdem weiter, jetzt eben auf einer Alternativroute.
Auch die Theaterszene war und ist wichtiger Teil der Proteste. „Fraktur des fünften Mittelhandknochens. Fraktur des Nasenbeins und des Kiefers. Hämatome am Kopf und am ganzen Körper. Prellungen. Gehirnerschütterung. Mehrere Blutergüsse und Hämatome“, zählt ein Schauspieler das Resultat seiner Begegnung mit Polizeigewalt auf. „Nothing Political“ heißt sarkastisch das Stück, das Nikusha Bakradze, Magda Lebanidze, Tamri Okhikian, Davit Khorbaladze, Sandro Samkharadze und Sophia Zeragia gemeinsam geschrieben und inszeniert haben und auf der Bühne des „Open Space“ in Tbilissi selbst performen – auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen als Theaterleute und politische Aktivist:innen, die seit Ende 2024 unermüdlich gegen die zunehmend autokratische Regierung protestiert haben.
Ihre theatrale Bestandsaufnahme nach fast zwei Jahren des Widerstands fällt verstörend aus. Denn mehr noch als körperliche Wunden schmerzen die seelischen: Das der Performance zugrunde liegende Skript liest sich chaotisch, wie ein Fiebertraum zwischen Polizeiverhör, Therapiesitzung, Trennungsstreit und Selbstgespräch. Auf der Bühne prasseln immer neue Fragen auf das Publikum ein, durchsetzt von Erinnerungsfragmenten, Videodokumenten und dem gezielt misslingenden Versuch, die Politik zu verdrängen und doch noch Weihnachten und Silvester zu feiern.
Das Kollektivprojekt „Nothing Political“ ist eine von rund dreißig Produktionen, die der georgische Showcase Ende September im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals Tbilissi präsentiert – eine Art Messe für Festivalleiter und Kuratorinnen aus aller Welt, bei der die Bühnen der Hauptstadt ihre besten neuen Produktionen zeigen, vom traditionellen Puppentheater Gabriadze im touristischen Glockenturm über den Mystery-Krimi im Marjanishvili Theater bis hin zur ambitionierten Antikenbearbeitung „Iokaste“, die die Theatergruppe Haraki in einem ehemaligen Weinkellergewölbe zur Aufführung bringt.
Neue Räume erschlossen
Wie in Berlin haben nämlich auch in Tbilissi oft Künstler:innen und freie Gruppen neue Räume erschlossen, so etwa die Theatre Factory 42 eine ehemaligen Coca-Cola-Fabrik, das „Open Space“ ein liebevoll saniertes Loft im vierten Stock einer Fabrikruine am Stadtrand oder das kleine City-Theater einen Hinterhof, der inzwischen zu einem hippen Ausgeh-Areal mit lauschigen Weinbars und Outdoor-Restaurants gentrifiziert wurde. Als Kurzzeitbesucherin des Showcase kann man an solchen Orten glatt übersehen, dass sich Georgien unter Ministerpräsident Irakli Kobachidse in ein autoritär regiertes Land verwandelt hat.
Der georgische Showcase vernetzt schon seit 2009 die kleine, aber sehr vielfältige georgische Theaterszene weltweit und gerade auch nach Deutschland. Doch in den letzten Jahren ist der Druck auf die Künstler:innen enorm gewachsen – nicht zuletzt, weil sich die Theatercommunity in den Protesten so stark engagiert hat.
Schon Ende 2024 war am prominenten Schauspieler Andro Chichinadze, Ensemblemitglied am umtriebigen Vaso Abashidze State New Theatre, ein Exempel statuiert worden: Er wurde bei einer Demonstration verhaftet und wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Theater sagte daraufhin alle Vorstellungen ab, der künstlerische Direktor Davit Doiashvili stellte sich auf die Seite der Protestierenden. Im April 2025 wurde er entlassen und seine Stelle nicht nachbesetzt, das Theater hat seither den Betrieb eingestellt. Im Frühjahr wurde – angeblich wegen Renovierungsarbeiten – auch noch das letzte Protestzeichen entfernt: Ein großes Transparent an der Fassade hatte an den inhaftierten Chichinadze erinnert.
Ebenfalls verschärft hat sich die rechtliche Lage durch neue Gesetze „über die Transparenz ausländischer Einflussnahme“ und „zum Schutz der Familienwerte und von Minderjährigen“. Ersteres verkompliziert beispielsweise die Finanzierung von NGOs und Kulturprojekten mit europäischen Mitteln, wie gerade erst wieder der Rückzug von Adenauer- und Friedrich-Naumann-Stiftung aus Tbilissi gezeigt hat. Letzteres zielt auf die Einschränkung der Sichtbarkeit von LGBTQ in den Künsten und anderswo.
Exkommunizierungsdrohungen der orthodoxen Kirche
Diese Gesetze veränderten auch den öffentlichen Diskurs, wie das Royal District Theater in der Altsadt von Tbilissi erfahren musste: Aus Data Tavadzes immersivem Dokumentartheaterstück „Liberté“ verbreiteten Social-Media-Accounts heimlich gefilmte und aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte, deren Verbreitung zu einem so massiven Shitstorm bis hin zu Exkommunizierungsdrohungen der orthodoxen Kirche führte, dass Tavadze und sein Protagonist Sandro Samkharadze für zwei Monate das Land verließen. Seither läuft die Inszenierung höchstens noch im Ausland, zum Beispiel Ende des Monats in Prag.
Tamar Lalishvili, die Leiterin des Showcase, betont, dass das Festival selbst bislang von Einmischung oder Zensur unbehelligt bleibt. Sie sagt aber auch, dass neben der angespannten finanziellen Situation die größte Herausforderung für das georgische Theater darin bestehe, „einen Raum zu bewahren, in dem Künstler weiterhin frei denken, experimentieren und ihre eigene Position zum Ausdruck bringen können“.
Noch scheint das der Fall zu sein, auch wenn gerade die queeren und experimentellen Theaterleute oft auf gepackten Koffern sitzen. Einige Produktionen im Showcase reflektieren die kriegerischen Konflikte mit Russland in den frühen 90ern und 2008, die Verdrehung der Wahrheit zum Zweck der Propaganda, das transgenerationale Schweigen über gesellschaftliche Probleme und politische Gräben innerhalb der Familie. Auch Sandro Samkharadze steht jetzt wieder auf der Bühne im Foyer des Royal District Theaters – mit Bernard-Marie Koltès‘ „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ in der Regie von Data Tavadze. Atemlos, ohne Punkt und Komma hetzt er durch den Monolog, mit dem der homosexuelle französische Autor 1977 die Erfahrung des sozialen Fremdseins beschrieb; sein einziger Anspielpartner ist eine Waschmaschine. Verblüffend, wie aktuell der fast 50 Jahre alte Text in der georgischen Gegenwart wieder klingt.
In „Nothing Political“ heißt es einmal: „Vielleicht ist dein Widerstand eine Art von Glück – ein paar Sekunden Freude, die du einem erstarrten, uralten, versteinerten System entreißen kannst. Anstatt von der Realität wegzuschauen, anstatt dich für die elegante Flucht in ein freies Leben zu entscheiden – beschließt du, durch Ruinen zu gehen und Bomben in einem Minenfeld zu entschärfen.“ Bleiben und Weitermachen, diese starke Botschaft wird ab Freitag auch im Rahmen des Festivals Love is a Verb #2 am Berliner Theater Hebbel am Ufer zu sehen sein.
Diese Recherche wurde unterstützt durch Einladung des Tbilisi International Festival of Theatre. Eva Behrendt
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