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Deutsche rasen gegen Italiens Tempolimit / Bonn: Tempo 110 „unvereinbar mit Gastlichkeit“ / CSU-Politiker rät zum Boykott der „bußgeldgierigen Italiener“ / Wer Millionen Deutschmark bringt, darf auch Tote hinterlassen / BRD-Autofahrer beschimpfen Polizei  ■  Von V.Gaserow u. W.Raith

Berlin/Rom (taz) - Die Spaghettis kalt, das Bier längst abgestanden, der Chianti pißwarm - 'zigtausend deutsche Autofahrer kommen dieses Jahr zu spät zum Urlaub. Schuld daran ist das Tempolimit auf italienischen Autobahnen und Landstraßen, das das Verkehrsministerium in Rom angesichts steigender Unfallzahlen am Wochenende überraschend verfügt hat. „Ein Urlauber, der sich sorgfältig auf seinen Italienurlaub vorbereitet hat, muß von Tempo 140 auf italienischen Autobahnen ausgehen“, hallt des Bonner Verkehrsministers Warnke förmlicher Protest über die Alpen. Rasenden deutschen Urlaubern ein Bußgeld abzunehmen aufgrund einer „über Nacht erlassenen Neuregelung“ sei nicht vereinbar mit der Gastlichkeit eines Urlaubslandes“.

Wo ein deutscher Urlaub erst mit 180 Sachen schön wird, hat das Tempolimit auf den autostradas zu den bisher schwersten bilateralen Spannungen zwischen der Bundesrepublik und Italien seit der deutschen Niederlage bei der Fußballweltmeisterschaft 1982 geführt. Im Kampf für freie Fahrt für freie deutsche Urlauber hat sich unser Bundesverkehrsminister („Italien hat die drastischen Geschwindigkeitsbegrenzungen mit der Bundesregierung weder beraten noch vorangekündigt!“) umgehend an seinen italienischen Amtskollegen gewandt und verlangt, „in Anbetracht dieser Härte“ von der Erhebung der Bußgelder bei deutschen Urlaubern abzusehen. Bayerns Innenminister August Lang fordert einen „Jagdschein“ für deutsche Raser, und der Verkehrspolitiker der CDU/CSU-Fraktion, Hinsken, rät in einem Gespräch mit der taz, „die deutschen Urlauber, die sowieso Millionen und Milliarden nach Italien tragen“, sollten künftig in Länder mit weniger rigorosen Tempobeschränkungen reisen.

Unbeeindruckt vom teutonischen Motorengeheul meldet Italiens Minister für öffentliche Arbeiten, Enrico Ferri, schon nach dem ersten Wochenende mit Tempolimit: „Die Aktion war ein Riesenerfolg.“ Nach einem horrenden Anstieg schwerer Unfälle in den letzten Wochen - mehr als 300 Verkehrstote allein seit Monatsbeginn - hatte der oberste Aufseher über die Straßensicherheit die Notbremse gezogen und für zwei Monate Tempo 110 auf Autobahnen und 90 auf Landstraßen verordnet. Tatsächlich sank die Zahl der schweren Unfälle an den neuralgischen Stellen gleich in den ersten Tagen um mehr als Fortsetzung auf Seite 2

Kommentar auf Seite 4

Interview auf Seite 4

in den ersten Tagen um mehr als die Hälfte. „Mehr als tausend Menschenleben könnten wir so jährlich retten“'meint Minister Ferri und mit ihm mittlerweile auch die italienische Presse. Weniger erfreulich allerdings die Reaktion der PS-starken Zeitgenossen, speziell der bundesdeutschen. Während Schweizer, Franzosen und Österreicher sich mit dem Limit abfanden und selbst nach dem Zahlen der Strafe (immerhin bis zu 1.100 DM bei Tempo 200) Verständnis zeigten, „haben wir von Deutschen vorwiegend Beleidigungen und böse Anwürfe zu hören bekommen“, berichtet ein Einsatzleiter in der Lombardei. Die Ausrede, sie hätten „gar nix von dem Limit gewußt“, ist mager: An den Grenzen sind die Schilder deutlich sichtbar geändert. Temposünder, die auf der Rückfahrt in die Messung gerieten, seien ohnehin meist nur verwarnt worden, meldeten die italienischen Behörden.

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