: Wenn es am See doch recht ungemütlich sein kann
Es ist heiß in der Stadt. Lieber raus und die Nacht gemeinsam mit Freunden am See verbringen. Die anderen sind schon dort, ich komme später und suche sie. Blaues Auge heißt der kleine Steinbruchsee. Er markiert den Übergang der Vorstadt in den Landkreis. Hier gelten andere Regeln als in der nahen Großstadt Halle. Darüber witzeln urbane Akademiker*innen gerne. Das Erste, was ich auf dem dunklen Trampelpfad höre, ist ein gegröltes „Heil Hitler“. Ich lausche.
Eine Familie kommt mir stumm entgegen, Ende eines Badetags. Dann schallt ein Neonaziklassiker durch die Dunkelheit: „Mein Opa war Sturmführer bei der SS …“ Mit sicherem Abstand nehme ich Platz und hoffe, dass mich niemand bemerkt. Dort, wo die Musikbox steht, wird gejohlt, geplanscht, Mädchen kreischen vergnügt. Ich werde unruhig. Wo die anderen wohl sind?
Drei indizierte Lieder später dudelt ein Schlager: „Ich bin schon wieder … im Inselfieber.“ Plötzlich bin ich wieder an einem ganz friedlichen Badesee, die Luft ist erfüllt von jugendlichem Überschwang.
Lieskau,
2.200 Einwohner*innen.
Die vielen kleinen Seen rund um die Gemeinde in Sachsen-Anhalt bei Halle deuten auf einstigen Abbau hin. Hier liegen auch Deutschlands Anfänge des Braunkohlebergbaus mit einer 1382 dokumentierten Grube.
Trotzdem bin ich froh, als mir eine SMS meiner Freunde verrät, dass ich schlicht am falschen See sitze. Valentin Endraß
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