: Wenn Sammelbildchen ihre Bestimmung finden
Neulich im Supermarkt. Die Frau vor mir winkt ab: Nein, Payback habe sie nicht, und die Fußballbildchen wolle sie auch nicht. Aber ich!, meldet sich ein älterer weißhaariger Mann in der Schlange hinter ihr. Das war ich. Von jeder Fußball-WM sind im Keller noch zerfledderte, nie gänzlich gefüllte, mit Kickerbildchen zugeklebte Sammelhefte zu finden. Ein alter Wimpel vom VfB hängt da auch noch.
Vis-à-vis dem Neckarstadion bin ich aufgewachsen. Zu Hause in unserer Siedlung wussten wir immer, wie es steht – so laut hallte der „Tor“-Schrei der Massen drüben im Stadion, jenseits der Bahnlinie, zu uns herüber. Oft schrie ich auch mit, als Verteiler der Fußballtipps kam ich umsonst rein.
Stuttgart-Untertürkheim
16.600 Einwohner*innen,
zweitgrößter Neckarvorort der Landeshauptstadt, Daimler-Konzernsitz und zugleich alter Weingärtnerort. Das Neckarstadion – keiner sagt MHP-Arena – ist in Rufweite, der VfB dank sportlichen Höhenflugs momentan in aller Munde.
Im Supermarkt lässt die einfühlsame Kassiererin den Panini-Packen des nächsten Kunden, der eigentlich gar keine Sammelbildchen will, flugs mir zukommen. „Aus dem Alter bin ich raus“, meint jener, Mitte 50, und grinst mich, bald 76, dabei freundlich an. Inzwischen habe ich fast fünfzig Fotos von WM-Kickern angehäuft. Würde jetzt nur noch gerne einen Leweling, den ich doppelt habe, gegen einen Undav tauschen. Ernst Bauer
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen