Wenn Kinder ihre Eltern verlassen

„Diese furchtbare Sehnsucht“

Viele Eltern lügen lieber, statt zuzugeben, dass ihre Kinder den Kontakt abgebrochen haben. Die Psychotherapeutin Dunja Voos behandelt sie.

Für verlassene Eltern können besonders die Wintertage einsam sein. Bild: dpa

taz: Sie beraten als Psychotherapeutin Eltern, die von ihren Kindern verlassen worden sind. Gibt es das oft?

Dunja Voos: Zu mir kommen tatsächlich häufig Eltern, die verlassen werden, aber auch die Kinder, die ihre Eltern verlassen. Das ist aber immer noch ein Tabuthema.

Warum?

Wenn Eltern von ihren Kindern verlassen werden, sprechen sie nicht darüber, weil sie das Gefühl haben, als Eltern versagt zu haben. Oft reden sich die betroffenen Eltern raus, indem sie Geschichten erfinden, warum das Kind etwa nicht zu Weihnachten kommen kann. Sie sagen nicht, unser Sohn oder die Tochter hat den Kontakt abgebrochen, weil sie unglaubliche Schuldgefühle haben.

Wissen die Eltern, warum sie verlassen worden sind?

Meistens können sie sich das selbst nicht erklären. Aus ihrer Sicht haben sie alles gegeben, was sie konnten und sagen oft, es sei nie etwas Großes vorgefallen. Hört man hierzu allerdings die Kinder, gewinnt man eine andere Sicht auf die Dinge. Die Kinder erzählen oft von Schlägen, Liebesentzug, davon, dass sie weggesperrt wurden. In den Augen der Eltern war es hingegen nicht mehr als ein Klaps, den sie gegeben haben, und den haben sie anschließend verdrängt.

„Habe geklaut, Leute geschlagen“, rappt Schwesta Ewa. In der taz.am wochenende vom 3./4. Januar 2015 spricht die ehemalige Prostituierte über ihre Puffschäden, Freier als die wahren Nutten und ihre Kindheit in Kiel. Außerdem: Manchmal heillos zerstritten, aber eng verbunden. Kann man sich von seinen Eltern trennen? Ein Sohn erzählt von seinem Versuch. Und: Mehr Sport, weniger Nikotin. Jedes Jahr nehmen wir uns vor, bessere Menschen zu werden. Kann man Vorsätze einhalten? Mit Gastbeiträgen von Sasa Stanisic und Hans Söllner. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Der Bruch kommt für die Eltern also abrupt?

Für die Eltern kommt er unerwartet, auch wenn sie zugeben, dass das Verhältnis schwierig war. Bei den Kindern findet hingegen eine jahrelange Denkarbeit statt. Sie führen Tagebuch, lesen viel über das Eltern-Kind-Verhältnis. Viele machen eine Psychotherapie und merken währenddessen, dass ihre Probleme aus der Kindheit kommen. Sie distanzieren sich dann Schritt für Schritt. Überlegen, ob sie zu Weihnachten anrufen oder nicht und schließlich, ob sie den Kontakt ganz abbrechen sollen. Davon bekommen die Eltern natürlich nichts mit. Nach und nach findet eine Entfremdung statt.

Dunja Voos, 43, studierte Medizin in Düsseldorf bevor sie die Weiterbildung zur Psychoanalytikerin absolvierte. Heute berät sie Patienten in ihrer eigenen Praxis in Pulheim und arbeitet zudem als Medizinjournalistin.

Könnten Sie einen typischen Fall aus der Praxis schildern?

Nicht selten verlassen Frauen Anfang 40 mit unerfülltem Kinderwunsch ihre Eltern. Sie geben an, keine Familie gründen zu können, weil sie mit diesen Eltern aufgewachsen sind. Ich erinnere mich an eine Patientin, die mit dem Wunsch zu mir kam, sie soweit zu begleiten, dass sie nach einem von ihr definierten Zeitraum wieder auf ihre Eltern zugehen könnte. Allerdings starb ein Elternteil, bevor dieses Ziel erreicht worden war. Auch das zeigt, wie folgenreich ein Entschluss sein kann, den Kontakt abzubrechen.

Mit welchem Bedürfnis oder Wunsch kommen die Eltern, die verlassen wurden, zu Ihnen?

Fast alle mit der Frage, wie sie mit dieser furchtbaren Sehnsucht, die ja fast an körperlichen Schmerz grenzt, umgehen können. Es geht um die Bewältigung dieses unglaublichen Ohmachtsgefühls, mit dem sie alleine nicht zurecht kommen.

Gibt es eine bestimmte Zeit im Leben, in der Kinder ihre Eltern eher verlassen?

Auf jeden Fall. Vor allem wenn die Kinder eine eigene Familie gründen wollen. Sie merken auf einmal, dass bei den Freunden alles anders ist. Im Gegensatz zu ihnen finden die einen Partner, sie bekommen das Kind, sie bauen das Haus, sie machen ihren Abschluss. Betroffene fragen sich dann, warum das bei ihnen wiederum so schwer ist. Sie finden keinen Partner, weil sich die frühen Probleme mit der Mutter oder dem Vater in ihrer Partnersuche widerspiegeln. Viele Frauen, die sich in dieser Lebensphase befinden, verzweifeln und brechen dann den Kontakt zu ihren Eltern ab.

Die Entscheidung zum Bruch wird also von außen beeinflusst?

Das ist oft die Vermutung der Eltern, die denken, dass etwa der neue Partner schuld ist. Meine eigenen Eltern waren damals sogar bei der Sektenberatung. Die Sekte ist für Eltern ein Symbol dafür, dass ihr Kind nicht selbständig denkt und von außen manipuliert wird. Wohingegen für das Kind ganz klar ist, dass dies die eigene Entscheidung ist.

Sie selbst haben Ihre Eltern verlassen?

Ich habe damals den Kontakt abgebrochen, ja. Glücklicherweise habe ich dann eine hervorragende Analytikerin gefunden, die mich auf dem Weg zurück zu meinen Eltern begleitete. Jetzt ist das Verhältnis wieder wunderbar, was mir gezeigt hat, dass sich auch verfahrene Situationen wieder lösen können und es wieder komplett neue Beziehungen geben kann.

Das bedeutet, wenn die Fronten verhärtet sind, können Eltern nur abwarten?

Sie sollten das machen, was sie in dem Moment empfinden. Das Kind merkt, ob man sich authentisch verhält. Sie können ihre Sehnsucht in einem Brief zum Ausdruck bringen, allerdings ohne Schuldzuweisungen zu machen. Sehr viele Eltern versuchen, solche Brief unter professioneller Anleitung zu schreiben. Das schadet aber nur. Das Kind merkt, ob da jemand anderes mit im Spiel ist.

Würden Sie sagen, diese Art von Entfremdung ist eine Generationenfrage?

Oft hört man, es hänge mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Wenn eine Flüchtlingsmutter und ein 'Täter'-Vater zusammenkommen, gibt es so viele Traumata, über die niemand spricht, die aber an die Kinder weitergegeben werden. Sabine Bode greift diese Problematik in ihren Büchern über die Kriegskinder und Kriegsenkel auf. Oftmals erfuhren die Eltern bei deren eigenen Eltern einen enormen emotionalen Mangel, so dass es ihnen selbst an emotionaler Wärme fehlt.

Das heißt, das Phänomen würde verschwinden, sobald die Generation, die mittel- oder unmittelbar von den Kriegsfolgen beeinflusst wurde, ausgestorben ist?

Das Generationenproblem wird es immer geben. Neues Potential erkenne ich etwa in der frühen Mutter-Kind-Trennung bei der hiesigen Kita-Entwicklung. Die Bindungsforschung weiß, die ersten drei Jahre im Leben eines Kindes sind essentiell für die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Ich halte diese Entwicklung für die Psyche der Kinder sehr bedenklich, weil die Kinder später diesen Mangel spüren werden.

Redet man nicht gleichzeitig von Helikoptereltern?

Auch Übermütter haben oft wenig Gespür für das Kind. Sie schaffen eine perfekte Welt, weil es ihnen eben an Gefühl fehlt. Ich könnte mir vorstellen, dass auch diese Kinder später Mangelgefühle entwickeln, wobei die Mutter natürlich denkt, sie hätte alles getan.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben