Weintourismus in der Toskana

Landschaft in der Flasche

Der Wein hat dem toskanischen Ort Montalcino Wohlstand und Tourismus beschert. Jetzt gilt es, die einmalige Kulturlandschaft zu erhalten.

Dorf am Hang

Der toskanische Weinort Montalcino Foto: imago images/Joana Kruse

Auf dem Zinnengang der Fortezza von Montalcino ist der Blick königlich, rundum. Auf der einen Seite liegt das Val d’Orcia, auf der anderen der Monte Amiata und dazwischen Weinberge, Zypressen, Wäldchen, Olivenhaine, Weizenfelder und die antike Via Francigena, die wichtigste Straße des Mittelalters. Von hier oben behielten die Stadtfürsten anrückende Feinde im Auge, aber auch die Bauern, die auf ihren Feldern schufteten. Hier, wo einer der edelsten Weine Italiens wächst, waren früher fast alle Familien Bauern. Auch die von Marta. Sie zeigt in Richtung Tal. „Dort leben wir immer noch“, sagt sie. Die nächste größere Stadt ist Siena, rund 40 Kilometer entfernt.

Marta Ricci hat Kunst und Kino studiert und macht mit ihrem Freund Filme. Doch ihr Geld verdient sie als Fremdenführerin für die Weintouristen. „Alle leben vom Brunello, vorher waren die Leute hier wirklich arm und viele sind ausgewandert“, erzählt sie. Vorher, das war bis zu den 60er Jahren. Damals haben sich alle Winzer von Montalcino zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um über die Reinheit und Produktionsmethoden ihres blutroten Weines zu wachen und den Verkauf, auch nach Übersee, gemeinsam zu organisieren. Der Erfolg war durchschlagend.

Der Wein hat dem mittelalterlichen Burgdorf zu internationalem Ruhm verholfen. Weltstars wie Sting kommen zur jährlichen Weinbegrüßung im Februar. Der Engländer ist ein Toskana-Fan und hat sich in der Nähe ein Landgut gekauft. Marta und er gehen zum selben Physiotherapeuten. So hat der Wein die Welt in Montalcino verändert.

Der Brunello ist heute einer der kostbarsten Tropfen Italiens. Einige alte Jahrgänge werden zu Fantasiepreisen gehandelt. Als Einsteiger kann man sich aber durchaus mit einer Flasche für 30 Euro zufriedengeben. Ein echter Brunello besteht aus einer einzigen Rebsorte. Der Sangiovese grosso ist ein Klon der Sangiovese-Traube, die überall in Mittelitalien wächst und auch in jeder Flasche Chianti steckt. Die Brunello-Trauben aber kommen ausschließlich von Feldern des örtlichen Anbaugebiets. Dieses wird säuberlich von vier Flüssen begrenzt.

Fattoria dei Barbi, fattoria­dei­barbi.it: Einer der ältesten und bekanntesten Brunello-Winzer. Stefano Cinelli Colombini ist ein profunder Kenner der Weinkultur und ihrer Geschichte. Die Einrichtung des sehr auf­schlussreichen Brunello-Museums ist sein Verdienst. fattoria­dei­barbi.it/ospitalita/museo-del-brunello/

Castello Tricerchi, castellotricerchi.com: Das Gutsschloss gehört zu den historischen Kunstschätzen Italiens. Um den Wein kümmert sich Tommaso Squarcia, einer der jüngsten Brunello-Winzer.

Terre Nere, terreneremontalcino.it: Die Winzerin Francesca Vallone ist eines der wenigen weiblichen Mitglieder im Brunello-Konsortium, es sind nur 15 an der Zahl.

Weinfeste und mehr: consorzio­brunellodimontalcino.it

Paolo Valdambrini, Tel. 0039 347 037 87 50: Mit ihm und seinen Hunden Milli und Pippo kann man im Wald auf Trüffelsuche gehen, in Gruppen zwischen zwei und zehn Personen.

Trüffelfest: Festa del Tartufo, tartufodi­san­giovannidasso.it: Das Fest findet dieses Jahr am 9./10. und 16./17. November statt.

Enoteca la Fortezza, eno­teca­lafortezza.com: Hier kann man zum Wein toskanischen Käse und Salami kosten, auch draußen im Hof der Festung. Gut sortierter Weinverkauf direkt vom Produzenten.

Il Grappolo Blu, grappoloblu.it: Kleines Restaurant in den verwinkelten Altstadtgassen von Montalcino, besonders fein sind hier Kaninchenragout und Pici-Pasta mit Stein­pilzen.

Die lehmige und kalkhaltige Erde bestimmt das komplexe Aroma, aus dem man Kirschen und Gewürze herausschmecken kann, aber auch die Meeresbrise der nahegelegenen Maremma-Küste. Die Winzer des Konsortiums produzieren heute 8 Millionen Flaschen Brunello und 4,5 Millionen Flaschen des leichteren, weniger lang in Fässern gereiften Rosso di Montalcino.

Der Wein hat Wohlstand gebracht

Alles in allem ergibt das einen Umsatz von 160 Millionen Euro. Die besten Auslandskunden sind die Amerikaner, gefolgt von Europa und dem asiatischen Markt. Der Brunello-Boom kam in den 80er Jahren. Damals kauften sich große Weinproduzenten aus dem In- und Ausland in das Territorium ein, aber auch Industrielle wie der Südtiroler Waffelhersteller Loacker und der Triester Kaffeekönig Illy. Sie alle sind im Konsortium, das auf rund 220 Mitglieder angewachsen ist. „Wir achten darauf, dass das Gleichgewicht zwischen großen und kleinen Produzenten nicht aus den Fugen gerät“, beteuert Enzo Tiezzi, Winzer und ehemaliger Präsident des Konsortiums.

Auch nicht aus den Fugen geraten sollte die Natur, die dem Ort Wein und Wohlstand beschert. Das Val d’Orcia – mit seinen Weinbergen, antiken Landgütern und steinernen Kirchen – wurde 2004 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Eine Kulturlandschaft: von Menschenhand gestaltet, bislang unberührt vom Schnellstraßenbau.

Doch die Ausbreitung der Weinfelder hat auch einen Haken. Sie bedingt ein Schrumpfen der für die Gegend typischen Steineichenwälder, die verhindern, dass der lehmhaltige Boden abrutscht. Dieser Prozess, der durch einen Klimawandel mit heftigen Regenfällen beschleunigt werden könnte, ist hier aber längst nicht so weit fortgeschritten wie im Prosecco-Anbaugebiet von Conegliano Valdobbiadene, das trotz vieler Proteste gegen die Weinmonokultur nun auch zum Weltkulturerbe ernannt wurde.

Die Toskaner achten auf ihr Land, mehr als andere in Italien. Einer, dem der Wald besonders am Herzen liegt, ist Paolo Valdambrini. Er kümmert sich um das Waldstück nahe des Örtchens San Giovanni D’Asso. Er und seine Hündin Milli sind hier jeden Tag unterwegs. Ihre Mission: Trüffel suchen und ­finden.

Kostbare Knollen

Der unterirdische Pilz braucht Bäume zum Wachsen. „Er lebt mit dem Baum in einer Symbiose“, erklärt Valdambrini. Der schwarze Sommertrüffel, Scorzone, wächst in der Nähe von Eichen. Der wertvolle weiße Trüffel bevorzugt Pappeln, Weiden und Haselnussbäume. Er wächst jetzt im Herbst bis Ende des Jahres. Sein unwiderstehlicher Duft steigt einem beim Trüffelfest in San Giovanni D’Asso in die Nase, das jährlich an den ersten beiden Novemberwochenenden stattfindet. Der kulinarische Klassiker ist Pasta mit Trüffeln und Steinpilzen, dazu natürlich ein Glas Brunello.

Für Valdambrini ist sein Job eine Berufung. Vor ein paar Jahren war er arbeitslos. Dann hat er das Waldstück gepachtet, gesäubert und aufgeforstet. „Sonst wäre das hier der reinste Dschungel“, sagt er, und nun wächst sogar der weiße Trüffel. Die kostbare Knolle sei die rechte Belohnung dafür, dass er den Wald erhalte, findet der große Mann mit dem Schlapphut. Wahrscheinlich hat er recht.

Enzo Tiezzi, Winzer

„Wir achten darauf, das Gleichgewicht zwischen großen und kleinen Produzenten zu erhalten“

Irgendwie hängt alles zusammen im Mikrosystem von Montalcino – ein landschaftliches, wirtschaftliches und ökologisches Gleichgewicht, wobei dem Massentourismus und den Luxusansprüchen reicher Russen noch nicht nachgegeben wurde und alternative Radtouren und Zimmer auf schick renovierten Landgütern angeboten werden.

Aber ab Mai, wenn die L'Eroica – eine Vintage-Fahrradtour auf toskanischen Landstraßen – ihre Sieg­etappe in Montalcino feiert und die Sommertouristen dann folgen, ächzen die steinernen Gassen ziemlich unter der Besucherlast. Wer die Touristensaison meiden möchte, kommt zwischen Oktober und April. In den kühlen Monaten schmeckt auch der wuchtige Rotwein am besten.

Das gehütete Reinheitsgebot

Die Winzer haben nichts gegen den Trubel, auch von ihnen vermieten fast alle Fremdenzimmer. Auch Enzo Tiezzi, dessen Gut Soccorso hoch oben über dem Tal, direkt am Ortsrand von Montalcino liegt. Tiezzi ist ein sympathischer älterer Herr, der in seiner Cantina die Geschichte des Brunello hütet, zu der er auch schon selbst gehört.

„Als ich als junger Mann anfing, als technischer Berater bei den Winzern zu arbeiten, existierte zum Teil noch das feudale Pachtsystem“, erzählt er. Dann in den 80ern gelang es ihm, selbst Felder zu kaufen. Heute gehören seine beiden Etiketten zu den feinsten Brunello-Tropfen. Die Tiezzis betreiben wie die meisten Winzer ein Familienunternehmen, auch seine Frau und die beiden Töchter arbeiten mit.

Nach einem Spaziergang durch die perfekt gezogenen Rebenreihen – wo vor der Ernte Anfang September nur noch die feinsten Trauben reifen dürfen – öffnet Tiezzi sein Tabernakel, das Weinprobenzimmer. Hier sieht es aus wie vor hundert Jahren. Zwischen Versuchskolben, Körben, Emailleschilder und Flaschen mit vergilbten Etiketten hängt das starke Stück der Sammlung: ein Dokument, das bezeugt, dass der Name Brunello erstmals 1904 in Frankreich, also außerhalb Italiens, erwähnt wird. Seitdem hat sich viel geändert: die Auslandsmärkte, das Marketing, der Weintourismus. Aber eines werde immer bleiben, beteuert Enzo Tiezzi: das gehütete Reinheitsgebot des Brunello. Zumindest solange er lebe.

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