: Was, wenn dein Chef ein Umweltverbrechen begeht
Andrés Olarte deckte Umweltverbrechen von Ecopetrol auf – und musste fliehen. Jetzt wird ihm in der taz Kantine der Ellsberg Whistleblower Award verliehen
Von Thomas Kastning
Keine einfache Entscheidung, die die internationale Jury des Ellsberg Whistleblower Award zu fällen hatte. Alle 19 eingereichten Vorschläge waren würdige Preisträger:innen – mutig und politisch relevant. Schließlich fiel die Wahl auf den deutsch-kolumbianischen Ingenieur Andrés Olarte Peña, der ein kolumbianisches Umweltverbrechen öffentlich machte. Ihm wird nun am 12. März in der taz Kantine der Award, zu dessen Vorstand die taz Panter Stiftung gehört, feierlich verliehen: mit Laudatio, moderierter Gesprächsrunde und Musik vom taz Chor.
Aus dem Departement Santander in Kolumbien stammend, studierte Olarte erst Ingenieurwesen in Santander und dann Umweltpolitik im englischen Cambridge. In seiner Heimat erhielt er einen begehrten Job bei Ecopetrol, Kolumbiens umsatzstärkstem Unternehmen, und wurde Berater der Geschäftsführung. So hatte er Zugang zu nahezu allen wichtigen Dokumenten. Nach und nach entdeckte er, dass sein Arbeitgeber an hunderten Stellen im Land Gewässer und artenreiche Feuchtgebiete mit Öl verschmutzte und viele dieser Öllecks nie offiziell gemeldet wurden.
Das wollte er einfach nicht länger hinnehmen. Er wandte sich an Aufsichtsbehörden. Doch vielleicht gar nicht so überraschend geschah nichts: CEO von Ecopetrol, zu über 80 Prozent in Staatsbesitz, war Kolumbiens ehemaliger Finanzminister. Die Wege von Ecopetrol zur Aufsicht sind kurz.
Fischer und Bauern entlang dieser Gewässer wissen zwar um die Verschmutzungen, ziehen ölverschmierte Algen mit ihren Netzen herauf, aber sie haben kaum eine Stimme in der kolumbianischen Politik und erst recht nicht in der Führungsetage von Ecopetrol.
Wie abfällig in den Büros der Firmenzentrale in Bogotá über die Betroffenen gesprochen wurde, ärgerte Andres Olarte am meisten. Und nicht nur gesprochen. Unter den Unterlagen, die er nach und nach zusammenkopierte, finden sich Beweise für ein ausgeklügeltes System, Personen und Organisationen zu überwachen und einzuschüchtern, die als Bedrohung für die Geschäftstätigkeit Ecopetrols identifiziert wurden.
Schließlich nahm Andres Olarte Kontakt auf mit der Environmental Investigation Agency (EIA), einer in Washington und London ansässigen Umweltorganisation.
Im März 2025 erschien nach aufwendigen Recherchen ein sechzigseitiger Bericht der EIA sowie eine BBC-Dokumentation. Zudem wurden die dank Andrés Olarte verfügbaren Unterlagen als Iguana Papers online gestellt. Ein Schatz aus Tausenden Dokumenten, die Einblick geben in die Praktiken eines Rohstoffunternehmens – und die bis heute nicht komplett ausgewertet sind.
Für Kolumbiens Journalist:innen bleibt Arbeit. Andres Olarte blieb wegen anonymer Todesdrohungen nur, Kolumbien zu verlassen. „Whistleblowing und Transparenz sollten als positiver Beitrag zum Gemeinwohl verstanden werden“, sagt er. Das dürfte ganz im Sinne Daniel Ellsberg sein, des Namensgebers des Award. Ellsberg, bekannt geworden als Vietnamkrieg-Whistleblower, war sein Leben lang ein Verfechter von Gewissensentscheidungen: „Don’t do what I did. Don’t wait until the bombs have fallen.“
Damit dürfte er bei Harald Welzer, dem Laudator der Preisverleihung am 12. März, auf offene Ohren stoßen. Der Soziologe und Sozialpsychologe schreibt in seinem Buch „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“: „Alles könnte anders sein. Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert.“ (Er schreibt auch: Jeder nach seinen Möglichkeiten und dem, was Spaß macht.)
Detailreiche Einblicke in die Recherchearbeit geben in der englischsprachigen Preisverleihung Monica Garnsey (tbc), Executive Producerin bei BBC Eye, und Alexander von Bismarck, Executive Director der EIA. Der Award wird organisiert und überreicht von Annegret Falter (Whistleblower Netzwerk – WBN), Richard Logan (Reva and David Logan Foundation), Klaus Schleisiek (Wau Holland Stiftung) und Michael Sontheimer (taz Panter Stiftung). Partner der Veranstaltung ist Reporter ohne Grenzen.
Lasst uns alle gemeinsam Mut ehren!
Thomas Kastning ist Projektmanager des Ellsberg Whistleblower Award.
Das Event findet am 12. März in der taz Kantine statt. Tickets buchen: taz.de/stiftung
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