Was Tiere so machen

Essen verstecken

Eichhörnchen haben keine Ahnung, wo sie ihre Nüsse verbuddelt haben. Andere Tiere schon: Für sie ist die Suche auch ein Gedächtnistraining.

Ein Eichhörnchen klammert sich an die Rinde eines Baums

Niedlich, aber vergesslich: das Eichhörnchen Foto: dpa

Kürzlich vergrub ein Silberdachs in den USA fünf Tage lang ein totes Kalb in der Erde. In einem Video, dass die Universität von Utah ins Netz gestellt hat, kann man ihn dabei beobachten. Seinen Appetit richtig einschätzend, kam der Dachs zu dem Schluss, dass er das Kalb besser verstecken sollte, wenn er es sich länger als Nahrungsquelle sichern wolle. Zumindest vor den in den USA immer noch häufigen Geiern hatte er „sein“ Kalb damit in Sicherheit gebracht.

Tiere verstecken Gegenstände in der Regel im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme. Der US-amerikanische Silberdachs kann in diesem Zusammenhang als exemplarisch gelten. Selbst Geier, die wie Truthahngeier sehr gut sehr feine Verwesungspartikel kilometerweit riechen können, werden nicht in der Lage sein, das vergrabene Kalb wieder auszugraben.

Mit diesem Beispiel sind bereits ein paar Probleme des tierischen Versteckspiels buchstäblich ins Auge gefasst: Auch wenn Tiere Nahrung verstecken, um sie vor anderen Interessenten in Sicherheit zu bringen, müssen sie immer damit rechnen, dass sie bei ihrem Versteckspiel beobachtet werden.

Das gilt auch für Krokodile, wenn sie in den Flüssen der Serengeti ein gerade gefangenes und nur halb verzehrtes Gnu im Schlamm der Uferböschung vergraben. Und es gilt für die Weibchen der Echsen, die ihre Eier im warmen Sand an den Ufern von Flüssen und Teichen vergraben.

Krokodile, Warane, Störche

Weil das Legen der Eier in eine selbst gegrabene Mulde im Sand sehr unsicher ist, bleiben Nilkrokodilweibchen vom Legen der Eier bis zum Schlüpfen der Jungen in der Nähe der Brut. Wobei, immer wenn sie, womöglich überhitzt, kurz ins Wasser gehen, um sich abzukühlen, sofort deutlich wird, warum sie ihre Nester tatsächlich bewachen sollten. Meist ist das Krokodil noch nicht ganz weg, da kommen bereits Warane aus dem Unterholz des Galeriewaldes und suchen nach den Eiern.

Offenbar von den Waranen angezogen, fliegen auch noch zwei Störche dazu und starren nur auf die Warane. Warane graben, wenn sie nicht daran gehindert werden, die Krokodileier aus und fressen sie auf. Für die Störche bleiben bei etwa hundert Eiern dann immer noch einige übrig.

Verstecken ist im Tierreich also nie eine sichere Sache. Diebe oder Mitesser lauern überall. Das gilt vor allem dann, wenn die Nahrung besonders intensiv riecht wie das Kalb des Silberdachses. Dann ist das Versteck nicht gesichert vor anderen Fleisch- und Aasfressern, die wie Füchse oder Wölfe in der Lage sind, den Kadaver nicht nur zu riechen, sondern auch auszugraben.

Neben den Nachteilen, von anderen gerochen zu werden, gibt es für Verstecker wie den Dachs aber auch einen Vorteil: Er muss sich die Stelle, an der er seinen Vorrat vergraben hat, nicht so genau merken. Er kann sich einfach auf seine Nase verlassen. Ein Verhalten, das jeder Hundebesitzer mit mehreren Blumentöpfen in der Wohnung gut kennt. Hunde verstecken ihre Beute, ihre abgenagten Restknochen an verschiedenen Orten und suchen sie dann mit der Schnauze in der Blumentopferde wieder – und nicht etwa mit punktgenauem Ausgraben.

Essen vergessen?

Dass man sich die Stelle, an der man etwas versteckt hat, gut merken muss, wenn man sein Versteck selbst wiederfinden will, wird aber zu einem Problem, wenn der versteckte Gegenstand nicht riecht. Pflanzensamen zum Beispiel. Sie gehören zu den von Tieren am häufigsten versteckten Gegenständen, was auch mit deren langer Haltbarkeit und konzentrierter Nahrungsqualität zusammenhängt.

Im Großen und Ganzen gibt es zwei Strategien, mit den Verstecken für die Samen umzugehen. Eine davon wird exemplarisch von Eichhörnchen angewandt. Sie vergraben ihre Nüsse im Herbst an allen möglichen Stellen im Boden rund um die Bäume, in denen sie leben.

Hayır oder Evet? Die Türkei stimmt über das Verfassungsreferendum ab. Wir blicken in der taz.am wochenende vom 15./16./17 April nach Izmir, die Hauptstadt des "Nein" – und in die Zukunft. Außerdem: Unser Autor wurde als Homosexueller in Syrien verfolgt – Geschichte einer Emanzipation. Ein Gespräch mit dem "Tatortreiniger" Bjarne Mädel übers Abnehmen und die Oberflächlichkeit des Fernsehens. Und: Eine österliche Liebeserklärung der Köchin Sarah Wiener an das Ei. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Dabei merken sie sich nicht die genauen Plätze. Sie behalten nur den ungefähren Raum im Gedächtnis, an dem sie etwas vergraben haben. So scheinbar wirr und kaum zielgerichtet, wie sie verstecken, so wirr versuchen sie die Nüsse auch wieder auszugraben. Oft wird dabei viel Erde bewegt, ohne dass der Ertrag über eine einzige Nuss hinausgeht.

Das genaue Gegenteil davon bilden Rabenvögel und unter ihnen vor allem die Häher. Wer einen Eichelhäher in einem Hinterhof mit Balkon hat, auf dem Blumenkästen stehen, kann beobachten, dass Häher – aber auch Krähen – dort alles Mögliche verstecken, von trockenen Spaghetti bis zu Eicheln. Erstaunlich daran ist die Gedächtnisleistung der Häher.

60.000 Samen an 6.000 Orten

In den Wäldern lebende Tannenhäher verstecken in großer Zahl in der Erde oder in Felsspalten Zirbelkiefernsamen an weit auseinanderliegenden Stellen. Erstaunlich ist, dass sie die Verstecke im Winter selbst dann wiederfinden, wenn darüber eine Schneedecke von über einem Meter liegt. Die Häher schießen dann mit dem Kopf zuerst in den Schnee und graben sich bis zum Samen vor.

Die bis jetzt bekannten Meister unter den Samenversteckern sind aber Kiefernhäher. Ein einzelner von ihnen kann bis zu 60.000 Samen an 6.000 verschiedenen Orten verstecken und findet sie im Winter wieder. Die Häher merken sich dabei aber nicht nur die Verstecke, sondern auch, welchen Samen sie wann an welchem Ort versteckt haben, um sie pünktlich vor dem Auskeimen wieder aus dem Versteck zu buddeln.

Die britische Neuro- und Evolutionsbiologin Nicky Clayton, die Häher zu experimentellen Zwecken im Labor hält, konnte zeigen, dass diese herausragende Gedächtnisleistung vor allem auf Übung basiert. In den Jahreszeiten nämlich, in denen ihre Häher keine Samen verstecken konnten, versteckten sie alle möglichen anderen kleinen Gegenstände wie Steine oder gefundenes Plastikzeug. Die Gedächtnisleistung, die die Vögel die richtigen Samen zum richtigen Zeitpunkt finden lässt, wird durch Übung an scheinbar nutzlosen Gegenständen wie Steinen oder Nippes auf hohem Niveau gehalten.

Das Verstecken von Gegenständen ist also oft nichts anderes als eine Art Gedächtnistraining, das den Vögeln nicht nur das Überleben sichert, sondern das auch eine besonders intensive Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten ihrer Umgebung zur Folge hat.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de