Wärmeversorgung in Berlin: Rechtswidriges Greenwashing
Die kommunale BEW will Holz verbrennen, um Wärme zu gewinnen. Ein neues Gutachten sagt: Das ist massiv klimaschädlich – und deshalb rechtswidrig.
Der Tiergarten in Mitte ist eine große grüne Idylle. Um einmal durch den ganzen Park zu spazieren, braucht man eine gute Dreiviertelstunde. Man stelle sich nun vor, der Senat käme auf die Idee, den gesamten Tiergarten abzuholzen, um für einige Wochen seine Kraftwerke für Wärme und Strom anzufeuern. Und jetzt stelle man sich außerdem vor, der Senat würde diesen Plan auch noch mit dem Kampf gegen die Klimakrise begründen.
Klingt absurd? Mag sein. Doch im übertragenen Sinne plant Berlin genau das – wobei natürlich niemand den Tiergarten abholzen will. Aber der kommunale Energieversorger Berliner Energie und Wärme (BEW) will am Standort Reuter-West ein Holzkraftwerk bauen, wo künftig auch Holz für die Wärmegewinnung verbrannt werden soll. Die Umweltorganisation BUND rechnet damit, dass so jährlich 250.000 Tonnen Holz verbrannt werden würden – ein Äquivalent zu der dreifachen Fläche des Berliner Tiergartens.
Um das Projekt zu stoppen, hat der BUND am Montag ein Gutachten vorgestellt, laut dem eine Genehmigung des Vorhabens rechtswidrig wäre. Im Kern geht es laut einer 76-seitigen Stellungnahme der Umweltorganisation darum, dass das Vorhaben gegen das Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz verstoßen würde, das bis 2045 verpflichtend eine CO2-freie Fernwärmeversorgung vorschreibt. Denn tatsächlich würde die energetische Holzverbrennung riesige Mengen CO2 ausstoßen.
Doch wie konnte das Land überhaupt auf die Idee kommen, statt Kohle nun einfach Holz zu verbrennen? Laut BUND-Sprecher Matthias Krümmel geht das auf eine veraltete EU-Richtlinie für Erneuerbare Energien (RED II) zurück, die Holz als erneuerbaren – weil nachwachsenden – Rohstoff klassifiziert hatte. Diese Richtlinie habe es erlaubt, in der Umweltverträglichkeitsprüfung für das Vorhaben Holz als klimaneutral zu klassifizieren. Inzwischen ist diese Richtlinie verschärft worden, doch eine vollständige Umsetzung in deutsches Recht steht noch aus.
Markt für Brennholz explodiert
„Es wurde einfach nicht zwischen ‚nachhaltig‘ und ‚klimaneutral‘ unterschieden“, sagte Krümmel zur taz. Dabei stoße Holzverbrennung natürlich CO2 aus – und zwar in Massen. Holzverbrennung verursache mit etwa 380 Gramm CO2 pro Kilowattstunde mehr Treibhausgase als Erdgas, sogar die Bilanz von Steinkohle sei etwas weniger miserabel. Oft wird dagegen das Argument vorgetragen, dass Holz das CO2 vorher aus der Atmosphäre gebunden hat. Doch Krümmel lässt das nicht gelten: „Bäume brauchen etwa 40 Jahre, bis sie CO2 binden“, sagt er. Wer CO₂-Bindung wolle, müsse Wälder wieder fit machen, statt sie abzuholzen.
Eine Sprecherin der BEW schreibt auf taz-Nachfrage, ohne den Einsatz von „nachhaltiger Biomasse“ sei der Kohleausstieg unmöglich umzusetzen. Der Konzern rechne mit einem Bedarf an 150.000 Tonnen Biomasse jährlich. Dabei würde überwiegend auf gebrauchtes Altholz gesetzt, also zum Beispiel auf alte Möbel oder Euro-Paletten. Ergänzend könne auch Agrarholz aus Plantagen, Landschaftspflegematerial sowie „nachhaltig beschafftes Waldrestholz“ infrage kommen. Baumstämme sollen nur eingesetzt werden, wenn dafür kein Baum gefällt werden musste, etwa nach Waldschäden, so die Sprecherin.
Besonders argumentiert die BEW mit der Versorgungssicherheit: Es brauche auch „lagerbare“ und „flexibel einsetzbare“ Energiequellen, um die Fernwärmeerzeugung „unabhängig von Wind und Wetter“ zur Verfügung stellen zu können. Genau an diesem Punkt setzt allerdings auch das BUND-Gutachten an, das unter Verweis auf das Energiewendegesetz konstatiert, dass die Holzverbrennung im Gegenteil gerade nicht geeignet sei, eine sichere und preisgünstige Energieversorgung sicherzustellen.
„Wir sind nicht das einzige Kraftwerk, was jetzt Holz herankarren will. Vom kleinen bayerischen Bauernhofbesitzer bis zu den großen Städten: Alle wollen gerade Holz verbrennen“, sagt Krümmel. Der Markt explodiere heute schon. „Es gibt dieses Holz einfach nicht“, sagt Krümmel deshalb. Er rechne damit, dass der Berliner Bedarf nicht durch Brandenburg gedeckt werden könne, weshalb Holz aus weltweiten Quellen herangeschafft werden müsste.
Recycelte Greenwashing-Pläne von Vattenfall
Der Plan mit der Holzverbrennung stammt indes noch aus der Feder des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, bevor das Berliner Strom- und Fernwärmenetz 2024 rekommunalisiert wurde – ausdrücklich, um politische Entscheidungsmacht über die Energieversorgung zurückzugewinnen. Noch davor hatte Vattenfall allerdings einen „Fahrplan“ für Klimaneutralität entworfen, der einen Holzanteil von 17 Prozent bis 2030 in der Energiegewinnung vorsah. Umweltgruppen kritisierten das von Beginn als Greenwashing. „Und nun sieht es so aus, als würde die BEW diesen alten Fahrplan einfach übernehmen“, sagt Krümmel.
Er sieht ein Versagen der Politik. „Ich habe das Gefühl, die gesamte Verantwortungsebene ist komplett abgetaucht“, sagt Krümmel. Die Politik treffe folgenschwere Entscheidungen, die Jahre hinter den Erkenntnissen der Klimawissenschaft zurückliegen. Die Senatsverwaltung für Klimaschutz konnte eine Anfrage der taz bis Redaktionsschluss nicht beantworten. Eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe teilte mit, derzeit sei „ein vollständiger Verzicht auf die Verwertung von Biomasse“ aus Gründen der Versorgungssicherheit „noch nicht möglich“. Die BEW arbeite an einem neuen Dekarbonisierungsfahrplan, der im Frühjahr 2026 vorgestellt werden solle.
Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Werner Graf, sagte, die Studie zeige, dass das Vorhaben „nicht nur klimapolitisch falsch, sondern nach jetzigem Stand auch rechtlich hoch angreifbar“ sei. Berlin solle sich deshalb aus dem Projekt zurückziehen und „den Fokus auf wirklich nachhaltige Alternativen legen.“ Der klimapolitischen Sprecher der Partei, Stefan Taschner, sagte der taz, unerfüllte Potenziale läge vor allem in der Tiefengeothermie, dem großflächigen Ausbau von Wärmepumpen und in der besseren Nutzung von Abwärme. Als „schlafenden Riese“ bezeichnet Krümmel außerdem die Gebäudesanierung zur besseren Isolierung von Wohnhäusern.
Sollte die Politik nicht einlenken, könnten die Umweltverbände gegen das geplante Holzkraftwerk klagen – was Krümmel zwischen den Zeilen auch anzukündigen scheint. „Die nächste Generation muss sich auf Klimaneutralität verlassen können“, sagt er. Das Klimaschutzrecht sichere den Anspruch auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung.
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