: Vorschlag
■ Ween – geniale Popmusik mit fäkalem Tiefgang im Knaack-Club
Aus ihrer Vorliebe für verdrehte Töne vom 4-Spur-Gerät und Klangverzerrern, ihrem morbiden Humor und einer gesunden Einstellung zum Drogenkonsum haben Ween noch nie einen Hehl gemacht. Die ersten Longplayer des Duos aus einem gottverlassenen US-Nest namens New Hope (Pennsylvania) waren daher logischerweise nur einem kleinen Publikum mit extraordinären Hörgewohnheiten vorbehalten. Daß die beiden Lo-Fi-Gitarristen zu den Lieblingsbands des Shimmy-Disc-Produzenten Kramer und dessen Händchen für den schrägen Geschmack gehören, ist kein Wunder. Wieder einmal ist es passiert, und die Spatzen pfeifen es von allen Dächern: eine ehemalige Wohnzimmerkapelle wird berühmt.
„Chocolate and Cheese“, das neuste und bereits vierte Machwerk von Dean und Gene Ween, die gerne mal vorgeben, Brüder zu sein, eröffnet ungeahnte Perspektiven. Allein das Cover: staunend blickt man auf zwei prächtige Möpse, die weniger als notdürftig von einem knappen Leibchen gehalten werden. Doch auch dem voreingenommensten Hörer wird bald klar, daß aus den ungehobelten Lärmfetischisten die begnadetsten Stückeschreiber des vergangenen Jahres wurden. Mit ungeahnter Souveränität präsentieren Ween Hit auf Hit und beweisen sich auf ziemlich jedem Gebiet, das auch nur ansatzweise mit Pop zu tun hat. So klingt „What Deaner was talkin' about“ ganz klar nach den Beatles, „Buenas tardes amigos“, die Ballade eines schizophrenen Brudermörders, könnte dagegen aus der Feder von Ennio Morricone stammen und perlt dabei so schön, daß es einem kalt den Rücken runterläuft. In Ween sind neuerdings Dinge enthalten, die eigentlich sowenig zusammengehören wie Schokolade und Käse: eine zuckersüße Liebesmelodie, ein Rock 'n' Roll und fröhliche Jahrmarktsmusik treffen hier auf einen flotten Doo-Whop und den schmierigen Geist der Siebziger-Jahre-Schweinegitarre. Doch Vorsicht, trotz geglätteter Songstrukturen sind Weens Lieder noch lange nicht Weichei-kompatibel. Schließlich lieben wir Ween, weil sie Spinner sind. Denn „Parental Advisory – Explicit Lyrics“-Stempel trägt das Album übrigens vollkommen zu Recht. Die Texte offenbaren eine geradezu ehrfürchtige Affinität zu schweren Krankheiten („Spinal Meningitis“ und den „HIV-Song“) und fäkalen Themenkomplexen überhaupt („Don't shit where you eat“). Haben wir es hier also mit einem „Meilenstein in der Geschichte der Geschmacklosigkeit“ (Spex) zu tun oder etwa mit einem Haufen „Genies, die sich als Idioten verkleidet haben“ (Spin)? Wer das herausfinden will, hat die Wahl: entweder heute abend im Knaack-Club, der wahrscheinlich so voll ist wie eine Sardinenbüchse, oder nächstes Jahr im Olympiastadion. Kirsten Niemann
Heute, 21 Uhr, Knaack-Club
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