■ Vorschlag: Erdentöne, Himmelsklänge: Georges Noel in der Galerie Georg Nothelfer
Georges Noäl: Voyage à Ithaque, 1997 (Detail) Foto: Galerie
Das Zauberwort zum Verständnis von Georges Noäls Bildern lautet Palimpsest. Der aus dem Griechischen stammende Ausdruck bezeichnet antike Schriftstücke mit übereinanderliegenden Textschichten. Was einmal praktische Notwendigkeit der Wiederverwertung war, wandelt sich für Noäl zum ästhetischen Verfahren, in dem sich Spontaneität und Rationalität verschwistern.
Der 1924 im französischen Languedoc geborene Noäl kam Mitte der fünfziger Jahre, auf dem Höhepunkt des Informel, nach Paris. Die zu den Ursprüngen des Bildnerischen vordringende „Art brut“ bildete für Noäl ebenso eine Bezugsquelle wie Paul Klee oder die Surrealisten. Von hier aus fand der Maler (darin ist er Cy Twombly vergleichbar) mit bewundernswerter Konsequenz zur eigenen Bildsprache. Wie die parallel zur Ausstellung erscheinende Monographie mit Texten prominenter Kunstexegeten zeigt, schreitet die Arbeit auch beim Wechsel nach New York ohne tiefgehende Brüche fort – in Reihen, die sich wie Jahresringe aneinanderlegen.
Von Beginn an bedeutet Malen für Noäl Arbeit am Material. Leinwand oder Holz als Bildgründe tragen pastose, schrundige Farbschichten aus Sand, Polymerbindern und Pigmenten, in denen der Künstler durch Abkratzen und Ausreißen, Einritzen und Aufkleben seine Zeichen hinterläßt; der Kalligraphie zwar verwandt, aber frei von deren blendender Artistik. Trotz des wimmelnden Chaos besitzen die in vielen Arbeitsgängen fabrizierten Ablagerungen immer einen filigranen, besänftigenden, fast magischen Rhythmus. Die Farbpalette ist reduziert, beinahe monochrom. Zwischen den Polen Himmelsblau und Erdenbraun spannt sich ein Kosmos aus sanften Übergängen, Verschattungen und Bewölkungen.
Die neuesten Bilder, meist Mischtechniken auf Leinwand, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Die eine umfaßt Werke wie „Blue night“, „Adriatique“, „Voyage à Ithaque“ oder „Palimpsestes aux bandes bleus“. Zur anderen gehören „Moon Landing“, „La nuit fractale“ oder „La treizième lune“. Es sind zwei Wege des Gestaltens, die nur graduell unterschiedlich wirken: Tag und Nacht, Erde und Fluß, Wasserblinken und Sternenflimmern – eine visuelle Partitur zwischen Erdenton und Himmelsklang.
Noäl beschreibt, wie er Streifen roher Leinwand ausschneidet: „Die Leinwand wird zum bestellten Feld.“ Nie seien deren Ränder gerade, meint er, gleich denen des pflügenden Bauern, dessen Ochsen immer ein wenig vom Weg abweichen. Was Malraux als „planetarisches Abenteuer“ verstand, bringt Noäl auf die vielsagende Formel: „Ich gehe zum Ursprung zurück.“ Michael Nungesser
Bis 24. Mai, Di.–Fr. 14–18.30 Uhr, Sa. 10–14 Uhr, Galerie Georg Nothelfer, Uhlandstr. 184. Monographie „Georges Noäl. Voyage Palimpseste“, Verlag der Galerie, Subskriptionspreis 180 DM
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