■ Vorlesungskritik: Wissenschaftler „im dunkeln“
H.-D. Genscher Foto: AP
Mit dem neuen Beruf ging kein Garderobenwechsel einher. Der gelbe Pulli blieb nicht im Kleiderschrank, als Hans-Dietrich Genscher am Dienstag im überfüllten Audimax der Freien Universität seine Antrittsvorlesung als Honorarprofessor hielt.
So mußte sich Gesine Schwan, Dekanin des Fachbereichs Politische Wissenschaft, in ihrer Laudatio eine halbe Stunde lang mühen, dem Auditorium die wissenschaftlichen Qualitäten des 67jährigen Ex-Außenministers ans Herz zu legen. „Waren Sie in nuce nicht immer Politikwissenschaftler?“ fragte sie. Daß er Kriege zu verhindern und ein Leben in Freiheit zu ermöglichen trachtete, macht ihn in den Augen der Dekanin zu einem „Vertreter des Berliner integrationswissenschaftlichen Ansatzes“. Endgültig überschritt Schwan die Peinlichkeitsschwelle, als sie Genscher attestierte, er betrachte Politik „von der feministischen Warte“, weil er „die Sorge um Nestwärme in die praktische Politik einbezogen“ habe.
Der Wahrheit näher kam ihr Eingeständnis, Genscher „instrumentalisieren“ zu wollen, zumal sie wenige Sätze später eine bessere Ausstattung der Universitäten anmahnte. Sie schloß ihre Laudatio mit einer unverhohlenen Geschichtsklitterung: „Ihre ganze bisherige Tätigkeit lief darauf hinaus, Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität zu sein.“
Der einstündige Vortrag über „Konzeptionelle Grundlagen der deutschen Entspannungspolitik“ konnte diese These nicht belegen. Der Weihrauch, mit dem Genscher die Erfolgsgeschichte der Entspannungspolitik eine Stunde lang vernebelte, trug zu wissenschaftlicher Analyse wenig bei. In einem Schnelldurchgang führte Genscher von den außenpolitischen Vorgaben des Grundgesetzes über Ostverträge und KSZE bis hin zur deutschen Vereinigung. „Zusammenfassend kann gesagt werden“, leitete er nach Art eines Besinnungsaufsatzes sein Resümee ein. Die Eingangsfrage, ob das Ende des Eisernen Vorhangs Zufall oder Erfolg genscheristischer Entspannungspolitik war, beantwortete er erwartungsgemäß im letzteren Sinn.
Genscher schloß mit einer „persönlichen Erfahrung“. Vermutlich sind es derartige Schmankerl aus der Innenperspektive der Macht, die sich eine Universität von Honorarprofessoren wie Genscher verspricht. Mehr als die allseits bekannte Tatsache, daß er nach einem ausführlichen Gespräch mit Gorbatschow als erster westlicher Politiker dafür plädiert hatte, den Mann „beim Wort zu nehmen“, verriet Genscher aber nicht.
Während Wissenschaftler bekanntlich dazu neigen, Strukturen und Prozesse jenseits der unmittelbar Handelnden in den Mittelpunkt zu stellen, hält der Ex-Außenminister die Fäden, die er zog, auch für jene, die die Welt bewegen. In der Auseinandersetzung um diese Frage mag tatsächlich ein Sinn der Genscherschen Lehrtätigkeit liegen: „Sollte auch ich mich in der Entspannungspolitik getäuscht haben, so hoffe ich darauf, daß die Kommilitoninnen und Kommilitonen, die an dem Seminar teilnehmen, mich mit wissenschaftlicher Unerbittlichkeit belehren.“ Ralph Bollmann
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