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Vor der „sozialen Zerreißprobe“

■ Die Armutskonferenz zählt mehr Arme als jemals zuvor

Bonn (epd) – Nie zuvor lebten nach Einschätzung der Nationalen Armutskonferenz in der Bundesrepublik so viele Menschen in Armut wie heute. 7,5 Prozent der Westdeutschen und 14,8 Prozent der Ostdeutschen hätten nach den neuesten vorliegenden Zahlen von 1992 mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen müssen, beklagten gestern Vertreter der Konferenz in Bonn. Bei großen Familien mit drei und mehr Kindern seien es im Westen sogar 16,2 und im Osten 45,5 Prozent gewesen. Die Armutsgrenze liegt für einen Einpersonenhaushalt zur Zeit bei 806 Mark. In der Armutskonferenz sind die Freie Wohlfahrtspflege, Fachverbände, Selbsthilfeorganisationen und der DGB zusammengeschlossen.

Auch die Situation auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ist anhaltend schlecht: Inzwischen muß jeder dritte Arbeitslose zu den Langzeitarbeitslosen gezählt werden. 1,14 Millionen Männer und Frauen suchen mittlerweile ein Jahr und länger eine Beschäftigung. Allein im Westen hat deren Zahl binnen Jahresfrist um 40 Prozent zugenommen.

Schätzungsweise 180.000 Menschen sind nach wie vor völlig obdachlos, zusätzliche 700.000 Menschen haben keine eigene Wohnung und müssen in einfachen Unterkünften einquartiert werden. Auch die Zahl der Sozialhilfeempfänger (1993: 4,6 Millionen Menschen) hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt.

Damit stehe die BRD vor einer „noch nie dagewesenen sozialen Zerreißprobe“, sagte der Sprecher der Armutskonferenz, Ulrich Schneider. Er forderte erneut eine „grundlegende Reform der Sozialhilfe hin zu einer bedarfsorientierten Grundsicherung“ und einen „wirksamen Familienlastenausgleich“, der vor dem Gang zum Sozialamt tatsächlich schütze. Scharfe Kritik übte die Armutskonferenz an der Sozialpolitik des Bundes und der Länder. Für den Aufbau (Ost) seien vor allem die sozial Schwächsten zur Kasse gebeten worden.

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