Von ICE-Auslegware und Kleinkindabteil

Schaffnerin kennt kein Erbarmen

Achtung, diese Kolumne ist während der Zugfahrt von Bochum nach Berlin entstanden. Es geht um kleine Kinder und größere Sorgen.

Ein neue ICE der Bahn mit einem neuen Logo: einen überdimensionalen Stecker in grüner Farbe – von wegen Ökostrom

Öko-Strom kann die Bahn im Fernverkehr, Kleinkinderabteile eher nicht so … Foto: picture alliance/Christophe Gateau/dpa

Guten Morgen aus dem Zug nach Hause! Es ist Donnerstagmorgen, 8.30 Uhr. Nächster Halt ist Bielefeld. Ich habe gestern Abend in Bochum vorgelesen. Vor sieben Zuschauern. Es war sehr nett.

Ich wusste das vorher. Ich war da vor fünf Jahren schon Mal. Am gleichen Ort, bei derselben Veranstalterin. Sie hatte damals schon keine Werbung gemacht, aber mit großer Leidenschaft Tischaufsteller gebastelt. Ich glaube, damals hatten wir vier Zuhörer. Das ist eine Steigerung um 75 Prozent! Wenn das so weitergeht, lese ich dort schon in 40 Jahren vor vollem Haus.

Es gibt zwei Ibis-Hotels am Hauptbahnhof Bochum, ein hässliches am Vorderausgang neben McDonald’s und ein schäbiges am Hinterausgang, an den Obdachlosen vorbei, bei den Mülltonnen links. Ratet, wo ich untergebracht war! Zumindest war es nicht weit zum Bahnhof. Und das Frühstück war okay.

Erwähnte ich, dass ich seit zwei Wochen erkältet bin? Mein Reizhusten lässt den gesamten Großraumwagen erzittern. Der junge Vater mit dem Zweijährigen neben mir traut sich kaum noch, sich hinzusetzen. Feigling! Er hat doch selber ein Kind in der Kita.

Platz in der Gepäckablage

9.30 Uhr, Hannover: Die Hälfte der Mitreisenden wird durch andere ersetzt. Der Platz neben mir ist jetzt endgültig frei, obwohl der Zug proppenvoll ist. Ich muss echt beängstigend aussehen.

Die Bahn hofft ja auf fünf Millionen neue Kunden, haben sie neulich in den Nachrichten erzählt. Und wo sollen die sitzen? In der Gepäckablage? Obwohl, wenn ich jetzt so hochgucke: Platz ist da auch nicht.

Vor vier Wochen waren wir mal wieder mit der Krabbelgruppe auf Rädern unterwegs, im Kleinkindabteil. Das war lustig! Da war eine Mutter mit drei Kindern und Bruder, also dem Onkel der Kinder (sechs, zwei und ein Jahr/e alt), total entzückend. In nur 100 Minuten bis Hamburg war die hässliche ICE-Auslegware von einer fluffigen Schicht Croissantkrümel bedeckt, jeder Erwachsene hatte ein fremdes Kind auf dem Schoß und alle Kleinkinder den herrlichsten Stuhlgang.

„Stört es jemanden, wenn ich hier auf dem Boden wickele?“, fragte die Mutter zu Beginn der Fahrt und schaute in die Runde. Alle winkten ab und schüttelten die Köpfe, nur der Onkel hob zaghaft die Rechte und meinte: „Ähh!“ Die Mutter, Paul und ich lachten schadenfroh. „Haha, Lusche, du zählst nicht! Krieg du mal selber Kinder!!“

„Ditt Kleinkindabteil“

Die Rückfahrt war leider nicht annähernd so lustig. Die Schaffnerin eine echte Berliner Schnauze, inklusive Haaren auf den Zähnen.

„Ist es okay, wenn ich mich mit dem Kinderwagen hier in die Ecke setze?“, fragte ich müde. „Mein Kind schläft gerade ein.“ Wir hatten ein Familienwochenende in Flensburg und zweieinhalb Stunden Regionalzug hinter uns. Das Kleinkindabteil befindet sich im ICE zwischen Speisewagen und erster Klasse. Ich hatte mich auf einen der Klappsitze bei den Rollstuhlstellplätzen gekauert, das langsam wegdämmernde Kind im Kinderwagen an meiner Seite.

Die Schaffnerin kannte kein Erbarmen. „Da kann ja jeder kommen. Wofür ham wir denn ditt Kleinkindabteil?“ Sie hatte offensichtlich keine Kinder. Sonst hätte sie nämlich gewusst, dass Kinder zu mehreren in diesen Abteilen ungefähr so gut schlafen, als würde man sie auf ein Karussell setzen. Zum Spielen ist das toll, zum Croissant auf den Boden krümeln auch. Schlafen kann man vergessen.

Die andere Mutter im Abteil sah uns mitfühlend an und erzählte, sie hätte neulich einen Strafzettel bekommen, weil sie in einer Nebenstraße in Neukölln in der zweiten Reihe parkte, um ihr Kind zu stillen.

„Sie wissen doch, wann Ihr Kind Hunger hat“, meinte der Beamte. Falschparken ist ja das einzige Vergehen im Straßenverkehr, dass überhaupt geahndet wird.

11 Uhr. Gleich sind wir am Hauptbahnhof. Zu Hause.

Eigentlich fahre ich ja voll gerne Zug. Man kommt mal raus aus dem eigenen Dunstkreis, lernt andere Leute kennen und (sofern man ohne Kind unterwegs ist) kommt man endlich mal wieder so richtig zum Arbeiten.

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kann lesen seit 1986, tut dies öffentlich seit 2003 auf Lesebühnen und bei Poetry Slams. Schreiben kann sie auch. Zum Beispiel den Fortsetzungsroman "Der Lappen muss hoch!" seit November 2013 jeden Donnerstag in der taz.

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