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Vom Wert der Kultur

Amelie Deuflhard ist Intendantin des ­internationalen Produktionshauses Kampnagel in Hamburg. Sie forderte kürzlich von den öffentlichen Theatern, die Corona-Zwangspause nicht zu bejammern, sondern die Zeit für die Entwicklung neuer Zukunftsperspektiven zu nutzen. Kontext fragte nach.

„Die Theater sind noch immer ­archaische Betriebe.“ Foto: Julia Steinigeweg

Interview von Verena Großkreutz↓

Frau Deuflhard, in einem Interview auf Deutschlandfunk Kultur haben Sie kürzlich geäußert, die öffentlichen Theater als „sehr privilegierte“ Institutionen sollten die Corona-Zwangspause nicht „zum Jammern“ nutzen, sondern sollten lieber „ein bisschen über die Zukunft nachdenken“. Gab es schon Reaktionen auf Ihre Aussagen?

Ja, es gab einen kleinen Shitstorm. Aber der kam zum größten Teil von frei arbeitenden KünstlerInnen, die sich mit Sicherheit das Interview gar nicht angehört hatten. Meine Aussagen hatte ich ja auf die Landes-, Staats- und Stadttheater bezogen, nicht auf die freie Szene. Das hatte ich auch deutlich gemacht. Das wäre ja auch widersinnig. Kampnagel ist ein großes, internationales Produktionshaus, das eng mit der lokalen und nationalen freien Szene zusammenarbeitet. Ich habe ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für das prekäre Dasein freischaffender KünstlerInnen. Weswegen ich ja auch den Vorschlag gemacht habe, über nachhaltige Förderungen der freien Kulturszene nachzudenken. Die üblichen Projektförderungen sind wichtig und müssen bleiben, aber zu viele KünstlerInnen fallen derzeit aus den Corona-Hilfsprogrammen heraus – weil sie sich erst am Anfang ihrer Laufbahn befinden, weil sie nach Deutschland eingewandert sind, zwischen Ländern pendeln oder Refugee Communities angehören.

Haben Sie eine Lösung parat?

In der Pandemie verschärfen sich jetzt die Probleme, die man vorher schon ganz deutlich gesehen hat: Die freie Szene finan­ziert sich auch sonst über ein sehr komplexes System aus unterschiedlichen Einzel-Förderprogrammen, die aber nicht das Potential haben, auch nur ein halbwegs reguläres Einkommen zu gewährleisten. Man könnte diese Krise nutzen für ein großes Pilotprojekt für das bedingungslose Grundeinkommen – ob das zusätzlich zu den Projektförderungen eine finanzielle Basis sein kann, die Kunstschaffenden ganz neue Arbeitsbedingungen ermöglicht.

Sie sagen, die öffentlichen Theater sollten sich nicht so „hyperüberschätzen“.

Natürlich sind Theater unheimlich wichtig für unsere Gesellschaft. Ich bin ja selbst Theaterleiterin, glaube daran, dass wir ein Bindeglied fürs Soziale sind, und dass Kunst im besten Fall wirklich ein Nachdenken über unsere Welt produziert. Nur finde ich es in so einer Situation wie der jetzigen falsch zu sagen, dass das Allerwichtigste sei, dass die Theater offen seien, ohne nach rechts und links zu gucken und zu bedenken, wen die vielen aktuellen Notlagen besonders stark treffen und was in dieser weltweiten Krise gerade wirklich wichtig ist. Da fühle ich mich provoziert.

Ihr Vorschlag ist, dass sich die Theater in der jetzigen Auszeit in anderen gesellschaftlichen Bereichen sinnstiftend betätigen. Unter dem Stichwort „nützliche Kunst“ könnten SchauspielerInnen etwa zum Vorlesen zu alten, vereinsamten Menschen gehen oder in Gesundheitsämtern aushelfen.

In anderen Ländern gibt es so etwas schon, etwa in Großbritannien. Da sind alle öffentlichen Unternehmen dazu verpflichtet, zu einem gewissen Grad auch in anderen Bereichen zu arbeiten. Das ist ja auch in der Kultur keine neue Idee. Das renommierte Hamburger Ensemble Resonanz zum Beispiel hat vor ein paar Jahren ein groß angelegtes Projekt mit DemenzpatientInnen gemacht. Das war für beide Seiten unglaublich bereichernd. Warum immer nur in seinem Theater sitzen und nicht mal rausgehen, um seine Kunst mit anderen gesellschaftlichen Realitäten zu konfrontieren?

Was hat das Gros der öffentlichen Theater in den letzten Jahren verschlafen?

Auch wenn sich alle mittlerweile bemühen, sich zu öffnen: Die Theater sind noch immer archaische Betriebe. Sehr hierarchisch, mit sehr wenigen Frauen an der Spitze, sehr deutsch auch. Von Ausnahmen abgesehen gilt: Die Ensembles der Landes-, Stadt und Staatstheater bestehen vor allem aus weißen SchauspielerInnen, die vor einem überwiegend elitär-bürgerlichen und akademischen Publikum spielen. Die Menschen auf der Bühne repräsentieren in keiner Weise die Diversität unserer Gesellschaft. Das ist ja in Stuttgart nicht anders als hier: In Hamburg haben etwa 30 Prozent der Bevölkerung und über 40 Prozent der Schulkinder einen Einwanderungshintergrund. Aber im Publikum spiegelt sich das nicht wider. Wenn man diese Menschen ins Theater bekommen möchte, muss man sein Haus öffnen – was die Zusammensetzung der Ensembles, der Belegschaft, aber auch die Programminhalte angeht. Solche Veränderungen brauchen natürlich ihre Zeit, und die müssen schon in der Ausbildung und im Studium beginnen. Auch in den Schulen braucht es eine kontinuierliche kulturelle Bildung für alle Kinder, nicht nur für die, die von ihren Eltern ohnehin ins Theater mitgenommen werden. Aber wenn wir als Theater relevant bleiben wollen, müssen wir gesellschaftlich zukünftig weiter in die Breite wirken.

Halten Sie Theater für systemrelevant?

Das ist Definitionssache. Wenn wir vom kapitalistischen System ausgehen, in dem wir leben, hören wir ja die ganze Zeit, was systemrelevant ist: jede Art von Arbeit. Das heißt: Arbeiten dürfen die Theater, was ja auch passiert: Wir proben, planen zukünftige Projekte, bauen Bühnen auf und ab. Bloß spielen dürfen wir nicht. Man darf also arbeiten – und natürlich konsumieren. Maßnahmen wie die Schließung der Theater dienen der Einschränkung von sozialen Zusammenkünften, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren, aber dadurch sollen offensichtlich auch die Umsätze im Weihnachtsgeschäft nicht gefährdet werden. Aber man verkennt, dass auch die Kulturinstitutionen unter wirtschaftlichen Aspekten wichtig sind. Man müsste mal die Umsätze vergleichen: jene der Einkaufsmeilen einer Stadt mit denen des Tourismus, an dessen Umsätzen die Kultur ja maßgeblich beteiligt ist. Aber im Kapitalismus sagt man halt: Konsum, Warenströme, Finanzmärkte – das darf alles weitergehen. Aber ansonsten: bitte zuhause bleiben. Aber das ist ein falscher Gedankengang. Nicht einmal innerhalb des kapitalistischen Systems würde man denken, Zerstreuung und Vergnügung, Kunst und Kultur seien unwichtig. Eher, dass sie der Regenerierung der Menschen dienen, damit diese dann wieder effizient arbeiten können. Immer zuhause zu sitzen, keine sozialen Kontakte zu haben, ist kontraproduktiv. Man merkt ja vielen Menschen bereits an, dass sie daran ein bisschen irre werden. Ja, natürlich sind die Theater systemrelevant!

Die sogenannte Hochkultur hat sich immer gerne von der Unterhaltung und der Freizeit abgegrenzt. Und jetzt wird sie mit ihr in einen Topf geworfen. Das schmerzt, oder?

Ich kann mir das nicht richtig erklären, warum die Politik diese Provokation uns gegenüber nötig hat. Es hätte nur ein einziges Wort mehr gebraucht: Freizeit UND Kultur. Am Anfang dachte ich, die Kultur sei den PolitikerInnen einfach nicht so wichtig. Aber heute denke ich, dass diese Unterscheidung mit Absicht nicht gemacht wurde. Es ging darum, das gesamte Freizeit- und Nachtleben erst einmal zu stoppen, in der Hoffnung, die Pandemie dadurch zurückzudrängen. Andererseits: Die scharfe Trennung zwischen Hoch-, Sub- und Populärkultur und Unterhaltungsindustrie finde ich ohnehin nicht richtig. Kampnagel hat auch viel Popkultur im Programm, wir arbeiten aktiv mit den Schnittstellen. Ich finde es falsch, die Qualität und den Wert von Kunstproduktion an einer solchen Einteilung festzumachen.

Was denken Sie, wie es der Theaterszene nach der Pandemie gehen wird?

Es gibt die große Befürchtung, dass die Kulturetats um relativ hohe Summen pauschal gekürzt werden. Das passiert in einigen Bundesländern schon jetzt – wie etwa in Sachsen. Vor allem für die freie Szene und die kleinen Privattheater wäre das eine Katastrophe. Dort gibt es keine Rücklagen, die leben von der Hand in den Mund bei überwiegend viel zu kleinen Förderungen. Ich hoffe, dass die Kultur in unserem Land so wichtig genommen wird, dass es nicht zu radikalen Einschnitten kommt. Das wäre ja auch gar nicht notwendig, nur ein kleiner Teil der Haushalte fließt ja in die Kultur. Da gibt es nicht viel zu sparen. Ich habe kürzlich gelesen, dass 69 Prozent der Menschen hierzulande wollen, dass die Theater wieder aufgemacht werden, was mich sehr verwundert hat, denn es sind statistisch gesehen ja unter 10 Prozent der Bevölkerung, die ins Theater gehen. Aber offenbar sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass ein lebendiges Stadtleben Theater braucht. Die Kultur ist eben ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität und ein Magnet für den Tourismus in den Städten.

Amelie Deuflhardwurde 1959 in Stuttgart geboren und wuchs dort auf. Sie studierte in Frankfurt/Main, Tübingen und Montpellier. Danach war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen und im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim tätig. Ab 1996 arbeitete sie in Berlin als Produktionsleiterin für freie Theater-, Tanz- und Musikprojekte, übernahm später die Produktionsleitung der Berliner Sophiensæle, dann deren Intendanz und wurde 2003 Vorsitzende des Vereins „Zwischen Palast Nutzung“, der eine befristete kulturelle Nutzung des damals bereits entkernten Palastes der Republik zum Ziel hatte. Seit 2007 ist Deuflhard Intendantin von Kampnagel in Hamburg, Deutschlands größter freien Spiel- und Produktionsstätte für die zeitgenössischen darstellenden Künste und die internationale Off-Kultur. Im Mai 2020 wurde Kampnagel neben dem Schauspielhaus, der Staatsoper und dem Thalia Theater zum vierten Hamburger Staatstheater. (vg)

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