Vom Ostseeurlaub nach Berlin: Neukölln ist nicht Bullerbü

Ist Berlin eigentlich gefährlich? Wie es ist, die eigene Heimatstadt mal mit den staunenden Augen des Ostseeurlaubers zu besuchen.

Mesnchen auf dem Bürgersteig in Berlin-Neukölln

Großstadtdschungel par excellence: Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

BERLIN taz | Ein Herbsttag an der mecklenburgischen Ostsee, ein Ausschreiten in bester Luft, an der Seite eine Spaziergangsfreundschaft, spontan erwachsen aus der Zeit in der Rehaklinik. Sie ist seit ein paar Jahren im Ruhestand, aus der Gegend von Rostock, ein langes Leben in der DDR, kein Verdruss insgesamt, nur die Frage: „Sie sind aus Berlin?“ Ja. „Und ist es da …“, dann drucksend, „… gefährlich?“ Äh, bitte – woher sie das denn habe? „Also im Fernsehen, da sah ich mal ’ne Reportage über Berlin, so, Neukölln, vom Zoo im Westen, und am Alex, da war gerade einer umgebracht worden … Außerdem: Die Müllabfuhr, habe ich gesehen, klappt ja auch nicht so.“

Was folgte, als meine Antwort, war eine astrein linke, gleichwohl megafreundliche, ja sanfte Belehrung in die Tücken des Blicks von außen auf die Stadt, in der ich seit 25 Jahren lebe, und zwar gefahrlos.

„Nein, das ist alles sehr hübsch, und die Menschen, nun, manchmal rau, aber herzlich. Und der Schmutz? Okay, manche Ecken sind nicht gerade so wie gebohnert, aber das gehört zu einer superaufregenden, alles in allem dann doch nicht stressenden Hauptstadt dazu, außerdem gibt es wirklich sehr viele Schrebergärten und Parkanlagen, in denen respektvolle menschliche Umgangsformen sehr üblich sind.“

Meine mitschreitende Bekanntschaft guckte etwas skeptisch, aber sie schien mir zu glauben: Dahin will ich wirklich und ernsthaft zurück, also nach Hause? Ich jedenfalls klang in ihren Ohren, vielleicht, glaubwürdig, und kam mir vor wie ein Propagandist wider den Geist der gewaltlüsternen Kolportagen in den schlimmen TV-Sendern.

Anderntags ein Ausflug nach Hause, Wochenendfreizeit, die Bahn fährt akkurat, die Waggons immer voller werdend, bis Gesundbrunnen, ein Bahnhof im Wedding, dort, wo einst Hertha BSC als Verein geboren wurde und die unmittelbare Einwohnerschaft das neue Berlin lebt, arm, aber immer eilig. Freitag am späteren Nachmittag, es dunkelt schon, kein wie in Rostock gemächliches Durchkommen zum nächsten Gleis, zur U-Bahn, zu den Bussen, in die Mall mit den Supermärkten. Alles ist durcheinander, und ja, alles niest und rotzt, rüpelt und rempelt, und zwar so, dass sich sogar niemand beschwert, was diesseits der direkten Gewaltandrohung liegt. Schockierend großstädtisch offenbar. Und dann die U-Bahn.

In Kopenhagen, diesem Legoland, das als dänische Hauptstadt ausgegeben wird, sind die U-Bahnen vergleichsweise ultrasauber, hier in Berlin – ein Sauhaufen sondergleichen. Durch die Waggons schleichen sich Bett­ler*in­nen, auch nicht gerade beschmusenswert, vorsichtig formuliert, hier und dort hört man das Klimpern von Kleingeld in die Becher. Immer wieder tauscht sich alles aus, nie ist Ruhe im Karton, alles quatscht und plappert, und im Übrigen am lautesten die auswärtigen Touristen, die es hier nach Neukölln und Kreuzberg zieht. Kennt man ja: Sie sind lauter als die anderen, weil sie sich selbst hören müssen, um sich nicht verloren zu fühlen wie Gepäck am Bahnhof.

Der metropole Dschungel

Dann der Hermannplatz, ein Abgrund an Nervosität, gezähmter natürlich. Schließlich mein Höhepunkt der Wiederannäherung an Berlin, wo man selten grüßt, anders als an der Ostsee, und immer eher hastet, die Sonnenallee. Auferstanden aus Ruinen durch die Ein­wan­de­r*in­nen nicht erst seit 2015, die Fußwege voll gestellt mit Teehausstühlen, außerdem die größte Frisördichte der Welt – der Berliner als solcher findet ja alles in seiner Stadt am besten „in der Welt“, nötigenfalls auch die Anzahl der Haarschneide-Start-ups – von den Massen an wuselnden Menschen, darunter auch immer wieder Hipster, die sich hier zu behaupten haben, abgesehen.

Wer es durch diesen metropolen Dschungel schafft, weiß, wie Berlin geht. Aber dieser Unrat auf den Böden, die Kippen und Plastikbecher to go auf den Flächen rund um die Bäume … Ja, so sieht es aus, da gibt es faszinierten Gemütern aus den Rostocker Vorstädten oder anderen Teilen der Provinz nichts zu beschönigen: Berlin fühlt sich nicht an, als sei es auch nur irgendwie so sortiert wie etwa das englische Midsomer in „Inspector Barnabys“ Ermittlungs­gebiet.

Wobei: So viele in der Regel spektakulär inszenierte Tötungsdelikte wie in dieser scheinharmonischen Landschaft durch oft die allerbesten bürgerlichen Kreise gibt es in Berlin zu keiner Zeit zu beklagen. Hier, in Berlin am hektischen Freitag-Spätnachmittag – um Rostock herum gilt 18.30 Uhr als Auftakt der Zeit für das Sofaprogramm, nicht als später Nachmittag –, ist diese meine Stadt wie ein mühselig unter der Decke gehaltener Hysterieausbruch: Metropole eben.

Montag, wir gehen wieder spazieren, meine Rehafreundin fragt, wie es denn so war. Ich entschuldige mich für mein Getue, dafür, dass ich unhöflicherweise so getan habe, als spräche sie Fieses aus, gegen Berlin. Ich sage ihr: Okay, die Dokus auf RTL II, Sat1 oder sonst einem gedungenen Horrorproduktionssender, gegen die sei nix einzuwenden.

Weil: Abgesehen von der Attraktivität, die in allen Sodom-und-Gomorrha-Fantasien liege, hätten sie genau das empfunden, was Sache ist. Berlin ist kein Dorf, es ist auch vermüllt, es ist hektisch und, abgesehen von Steglitz und Friedrichshagen, immer im Energiemodus, selbst nachts. Insofern: Wenn Sie mal zu Besuch kommen, um mal was anderes zu sehen – herzlich willkommen.

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