Volkskunde im linken Kulturzentrum

In den Wagner gequatscht

Im Bremer Schlachthof-Theater zerlegen Julian Meding und Jasper Tibbe Wagners „Tristan und Isolde“ mit Unbehagen aus echtem Interesse.

Tristan und Isolden auf einem alten Foto

Bild von der „Tristan“-Uraufführung 1865: Liebe, Tod und überwältigender Hass finden sich in Wagner Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Wenn Sie nun lesen, dass im Schlachthof-Theater heute Abend Wagner gegeben wird, dann ist ja klar: Da ist was faul. Denn auch wenn der Ein-Mann-Betrieb im Frühjahr ordentlich aufgerüstet hat – das Orchester für „Tristan und Isolde“ bekämen Sie da auch ohne Ins­trumente nicht rein. Und überhaupt: Völkischer Bombast im alternativen Kulturzentrum?

Die Performer Julian Meding und Jasper Tibbe haben etwas anders vor. „Tristan und Isolde“ laufen vom Band und werden regelmäßig unterbrochen. Da stehen die beiden auf der leeren Bühne und erzählen: was sie wollten von dem Stoff, wie aufregend das zwischendurch war – und wie schmerzhaft. Wegen Wagners Vernichtungsideologie, aber auch weil das Nachsingen selbst geübte Sänger an die Grenzen treibt.

Die Form ist der Oper gar nicht so fremd. Man kennt das von den Dramaturgeneinführungen im Foyer, bevor der Vorhang aufgeht. Hier ist das Suchen nach Assoziationen, Verweisen und Kontexten zur Kunstform erhoben. Manchmal ironisch gebrochen, aber doch authentisch. Die beiden meinen es ernst mit ihrem Wagner, sind fasziniert und haben sich auch tatsächlich überwältigen lassen.

Eben das macht diese Musik ja aus, wie sich heute Abend selbst von CD noch nachfühlen lässt. Die Ouvertüre im Dunkeln, hier in Carlos Kleibers Einspielung von 1982 mit der Staatskapelle Dresden, wühlt einen ja auf.

Thema: „Erlösung durch Vernichtung.“

Als das Bremer Theater vor einem Jahr seinen Parsifal spielte, ließ sich Regisseur Marco Štorman im Programm zitieren: „Dann ist man erschrocken über sich selbst, dass man so überwältigt wird.“ Das war im Großen Haus am Goetheplatz, im winzigen Schlachthof-Theater wird dieser Schrecken nun reflektiert.

Meding rattert trocken die Eckdaten runter. Komponiert: zwischen 1857 und 1859. Uraufgeführt: 1865. Stoff: keltische Sage. Thema und Intention: „Erlösung durch Vernichtung.“

Marco Štorman, Parsifal-Regisseur

„Dann ist man erschrocken, dass man so überwältigt wird“

Das klingt ein bisschen nach Vorverurteilung und tatsächlich: Dass Wagner kein Antisemit sei und dass seine Musik damit eh nichts zu tun habe – darauf lassen sich Meding und Tibbe gar nicht erst ein. Bei der Recherche hätten ihnen darin ja selbst Wagnerfreunde zugestimmt.

Ihre Frage ist nun aber, ob man das als Hörer wegdenken kann, ob das historischer Ballast ist und ob die Kunst – wie so oft behauptet – wirklich größer ist als ihr antisemitischer Verursacher.

Beantworten soll sich das heute Abend der Zuschauer, die Performer geben nur das Material an die Hand. Vor allem sind das Texte von den politischen Rändern: Alain Badiou und Slavoj Žižek von links (zugegeben: beide nicht gerade frei von autoritären Phantasien), Heinrich Heine oder RAF-Anwalt und späterer Rechtsaußen-Promi Horst Mahler.

Der kommt hier mit seinem „Erweckungserlebnis“ schwülstig zu Wort: „Eines der Verdienste von Otto Schily ist, dass er mir die Gesamtausgabe von Hegels Werken ins Gefängnis gebracht hat.“ Meding liest das mit finster-kratziger Stimme über die Musik. Ein dramatischer Moment vermeintlichen Begreifens, nach dem plötzlich alles ganz anders, wahr und richtig ist.

Gesagt hat Mahler das in das in Birgit Schulz’Kinodokumentationsfilm „Die Anwälte“ von 2009. Und da klingt er ganz anders. Ruhig und vorsichtig erzählt er da, betont beiläufig. Meding interpretiert also, versucht wie aus dem Wagner das herauszukitzeln, was Erweckung ausmacht: Hingabe, Unterwerfung und Liebe, die mit dem Tod in eins fällt. Und das Urteil, wie gesagt, das bleibt dem Publikum und seinem Blick auf die meistens leere und immer dunkle Bühne.

Termine: 22. und 23. September, 20 Uhr, Schlachthof Bremen

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de