Volksbühne digital: Ein Stück zur Zeit

Ein Kassandragesang über den Klimawandel sollte das Stück „Forecast“ von Ari Benjamin Meyers werden. Jetzt ist es an der Volksbühne digital zu sehen.

Musiker auf einer Bühne

Still aus den Kurzfilmen zu „Forecast“, Prolog 4, von Ari Benjamin Meyers Foto: Thomas Aurin

Ari Benjamin Meyers beschäftigt sich mit Pro­gno­sen. Seit 2016 schon arbeitet der Komponist an seinem Stück „Forecast“. Darin geht es um Wettervorhersagen und die Entwicklung der Technologien, die immer präzisere Prognosen ermöglichen. Im Mittelpunkt stehen allerdings Katastrophen – und die Fähigkeit, das Eintreffen solcher Zustände vorauszusehen und günstigenfalls sogar so viel Zeit zu haben, die Dinge so zu ändern, dass die Katastrophe vermieden werden kann.

„Forecast“, ein szenisches Konzert für sieben Mu­si­ke­r*in­nen und zwei Schauspielerinnen, ist damit ein veritabler Kassandragesang über den Klimawandel. Durch die Katastrophenthematik und die eigene, komplizierte Produktionsphase in den vergangenen 14 Monaten wurde es auch noch zu einem Reflektionsstück über die Pandemie. So, wie der Frosch auf der Leiter den frühen Wetterforschern Hinweise über Luftdruckveränderungen gab, taugt die Produktionsgeschichte von „Forecast“ als Erkenntnisanordnung für die Auswirkung der Pandemie auf den Kulturbetrieb.

Ursprünglich sollte „Forecast“ im April letzten Jahres an der Volksbühne herauskommen, wurde dann aber verschoben, vertagt, vor einem Minipublikum aufgeführt und droht, wegen des Programm- und Intendantenwechsels, so gut wie ungesehen von der Bildfläche zu verschwinden. Eine digitale Fassung des Werks in Form von fünf Kurzfilmen wird ab 25. Mai von der Website der Volksbühne gestreamt.

Rückblende: Am 10. März 2020 trafen sich Meyers und der Autor dieses Textes zu einem Vorgespräch. Die Proben zu „Forecast“ sollten an diesem Tag beginnen. Ein Hauch des Surrealen, Präkatastrophischen lag bereits in der Luft. Die Volksbühne war an jenem Vormittag so leer, wie Kulturstätten, die für den Abend eingerichtet sind, sich am hellichten Tage gewöhnlich präsentieren. Auch Corona war gerade in Deutschland angekommen. „Die Schließung der Theater deutete sich bereits an. Am Abend nach unserem Gespräch fiel dann die Entscheidung“, erinnert sich Meyers ein Jahr später.

Proben abgesagt

Die geplanten Proben wurden erst einmal abgesagt und alle nach Hause geschickt. Komponist Meyers, über die jahrelange Beschäftigung mit Wetterunbilden zum Prognosespezialisten gereift, traf dann eine Entscheidung, die ihm damals schlau dünkte. „Ich ahnte, dass alles eine Zeit dauern würde, und schlug vor, die Produktion gleich um ein ganzes Jahr zu verschieben.“ Meyers hoffte, dass dann der normale Spielbetrieb wieder möglich sei. „Die Volksbühne schlug November vor. Ich dachte aber, dass es klug sei, noch länger zu warten“, sagt Meyers.

Es kam, wie wir inzwischen wissen, alles anders. Nach kurzen Lockerungsfenstern waren auch im März 2021 die Theaterhäuser wieder zu. Meyers und sein Ensemble immerhin durften in der Zwischenzeit proben. „Es war wie ein Geschenk, jeden Tag eine Probe haben zu dürfen“, erinnert er sich an diese Zeit. Sie war sogar von Luxus geprägt. „Zweieinhalb Wochen durften wir auf die Große Bühne. Das gibt es im Repertoirebetrieb ja sonst so gut wie niemals“, betont er.

Die Hoffnung, irgendwann im späten Frühling oder ganz frühen Sommer aufzutreten, war damals auch noch vorhanden. Weiter in die Zukunft reichen konnte die Hoffnung nicht. Denn im Sommer steht in der Volksbühne der Intendantenwechsel an, und der neue Chef René Pollesch will nichts, aber auch gar nichts aus der Zwischenphase nach dem Ende der Ära Castorf übernehmen. Nicht einmal eine Produktion, die von einem freien Künstler ist, der mit den alten Verstrickungen am Haus so gut wie gar nichts zu tun hat und thematisch wie ästhetisch so perfekt in unsere seltsame Gegenwart passt.

„Forecast“ wurde also ins große Nichts hineinproduziert. Immerhin gab es Ende April so etwas Seltsames wie eine Mischung aus Generalprobe, Workshop und Showcase. „Der Senat erlaubte uns, ein Publikum von 18 Fachbesuchern einzuladen. Es waren nur 18, aber es war berührend, wieder ein Publikum zu haben“, erzählte Meyers am Tag danach.

Stürme der Gesellschaft

Die 18 Zuschauer, mit großen Abständen verteilt auf den ersten drei Reihen des 800 Menschen fassenden Saals, sahen, wie auf der Bühne erst von vielen fleißigen Händen ein Haus gebaut wurde, das später Stürmen trotzen musste. Den Stürmen der Meteorologen, aber auch den Stürmen der Gesellschaft. Die Schauspielerin Johanna Bantzer webte in apokalyptische Wetterbeschreibungen die Geschichte des 60-jährigen Bürgerrechtsanwalts David Buckel ein. Der zündete sich im April 2018 in New York selbst an, um gegen die Ursachen der Klimakrise zu protestieren.

„Forecast Films“, fünf Episoden 25.–31. Mai, zu sehen in der Volksbühne digital

Dieser moderne Kassandragesang wurde befeuert, getrieben, untermalt, verstärkt und gebrochen durch die Klänge eines ganz ungewöhnlichen Orchesters. Es bestand aus Blockflöte, Harfe und Horn als historisch sehr alten Instrumenten, der barocken Viola da Gamba sowie E-Gitarre und E-Bass als Klangerzeugern der elektrifizierten Moderne. Die Mu­si­ke­r*in­nen waren erst im Halbkreis arrangiert. Sie verteilten sich dann einzeln auf der Drehbühne, die sich ganz langsam um das von Donnerleuchten erhellte Haus bewegte. Man glaubte, die Zeit ganz physisch durch den Raum fließen zu sehen.

Am Stücktext, auch an der Musik, veränderte Meyers während des langen, immer wieder unterbrochenen Produktionsprozesses während der Pandemie kaum ein Wort, kaum ein Satzzeichen, kaum eine Note. Er kam nicht einmal in Versuchung, das Stück auf die sich wandelnden Zeiten anzupassen. Denn die Zeiten selbst veränderten das Stück. „Die Texte haben eine neue Bedeutung erfahren, weil die Welt ringsum sich verändert hat. Der Klimawandel ist schneller vorangeschritten als noch 2016 gedacht, als ich das Projekt begonnen habe. Corona hat es zusätzlich mit neuen Bedeutungsschichten aufgeladen“, konstatiert Meyers.

Dass es vorerst unsichtbar bleibt, zumindest nicht auf den Spielplan der Volksbühne kommt, verstärkt die Symbolkraft nur noch. Jetzt hofft Meyers, dass andere Spielstätten und Festivalbetreiber die Produktion einladen. Es wäre ein Happy End für ein Werk, das das Katastrophische, aber auch das Überwinden der Katastrophe in sich trägt wie kaum ein anderes.

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