: "Viel fettes, rotes Fleisch"
■ Wie der Leitartikler der "Süddeutschen Zeitung" einmal unter die Nackten fiel
Berlin (taz) – Die Welt ist in schlechtem Zustand und auch für große Leitartikler kommentierend nur schwer in den Griff zu kriegen. Gestern in diese Wunde den Finger legen, heute jene Schandtat anprangern, morgen das Übel an der Wurzel packen. Ach ja.
Da kann es auch für Dr. Jürgen Busche von der Süddeutschen Zeitung nicht ausbleiben, daß ihn die Unbilden der Erde bisweilen in sanfte Depressionen stoßen. So wie gestern etwa, als der innenpolitische Chef auf der Seite 4 von „heftigem Übelsein“ befallen ward. Wohin er auch derzeit seine Schritte lenkt und seinen Blick richtet, schrieb Busche, überall: „brutal enthüllte Häßlichkeit ringsum.“ Was ist es, was den Sensiblen so ins Mark erschüttert? Das Schlachten in Ruanda? Abgerissene Bettler am Marienplatz? 20.000 ölverschmierte Pinguine an den Stränden von Südafrika?
O nein. Es ist der Anblick bloßen Fleisches, der ihn so leiden macht. Denn: „Nacktheit, nicht nur des ganzen Körpers, sondern auch etlicher Körperteile ist nur in seltenen Fällen schön.“ So hochgradig war die ästhetische Verwirrung des Politdenkers, daß ihm hinter den Körperteilen sogar das Komma verlorenging. O Gott, was wird dem guten Mann zugemutet! Allüberall Bermudashorts und Muscleshirts, Bikinis und Birkenstocksandalen, Haut, Haut, Haut lugt hervor allerorten. Sein Fazit: „Gesellschaftliche Konventionen gibt es nicht mehr.“
Wohin er sein Auge richtet, trifft Busche auf „Mehrheits-Exhibitionisten“, denen die 68er einst mit ihren „Selbstverwirklichungsidiotien“ die Parole zuriefen: Reißt die Mauern ein – reißt die Klamotten runter! Im Walde, beim kontemplativen Dahinschreiten: ein „Jogger“, „spuckend und schwitzend, keuchend und stöhnend“.
O Ekel! Nirgendwo mehr ist Busche sicher. Im Museum: „zu viel fettes Fleisch, rot und schwitzend, braun und faltig, eigehüllt in zu wenig und zu dünnes Tuch, Popcorn und Eis fressend.“ In der Kirche, beim Hochamt: dito. Sein Resümee, nach 138 (!) Zeilen: Keine politische Forderung „kann Ernsthaftigkeit beanspruchen“, solange die Gesellschaft „von solcher Schamlosigkeit gekennzeichnet ist“. – Es hatte in München gut 30 Grad, als Jürgen Busche dies alles mit Schlips und Kragen in die Schreibmaschine schwitzte. Herr Thömmes
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen