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Viel Sechs in Hamburg

Kein Satanskult, kein Scherz, sondern numerisch-ökologisches Mahnen: Das Zahlenspiel eines Weltverbesserer von der Weinstraße  ■ Von Ilonka Boltze

„Kommen Sie morgen mittag zu den Bahngleisen hinter der Kunsthalle“, raunt es durchs Telefon. „Dort werde ich Ihnen eine Sechs am Spitzahorn zeigen.“Kein Zweifel, der anonyme Anrufer muß Adam Riese sein. „Nein, so ein Quatsch! Ich bin Rainer, die Nummer sechs. Entlang der Bahnstrecke zwischen Dammtor und Sternschanze male ich Sechsen. Mehr als 200.000 Menschen nehmen mich täglich wahr, und Sie erkennen mich nicht!“

Ist das ein neuer Satanskult? Der „Antichrist“zum Nachmalen? Subtiler Anti-Castor-Protest jetzt auch neben Hamburgs Bahngleisen? Oder nur ein infantiler Scherz? Die taz hamburg recherchierte nach. Erst Irritation durch eine Neun am Lichtpfahl, doch nur wenige Meter von den Gleisen der Holstenstraße die erste große weiße Sechs auf einer Plakatwand vor dem Fahrradständer. Dann die Erkenntnis: Im Umkreis von hundert Metern tauchen große und kleine weiße numerischen Mahnmale an Hauswänden, Werbeschildern und Stromkästen auf.

Wir nehmen Kontakt zu Rainer auf. Die Endziffern seines Handys: fünfmal die Sechs. Was sollen uns die Zeichen sagen, die uns jetzt an allen Ecken ins Visier kommen? „Ja, die Sechs hat mehr so praktische Gründe. Die kann ich auch vom Fahrrad aus malen. Ich muß ja dann schnell weiter, denn eine Sechs kostet 1000 Mark, falls die Polizei mich erwischt.“

Meist geht Nummer sechs jedoch auf Nummer sicher. Seine Spuren finden sich an vielen Orten, die von der Gesellschaft vernachlässigt sind: Abstellplätze, zugeklebte Stromkästen und zerfetzte Plakatwände. Neben den Schildern hat er auch den Müll neben den Schienen und Bäume am Straßenrand mit seinem Logo bedacht. „Ist Kalkfarbe“, sagt der 37jährige, „nicht weiter umweltschädlich. Die Farbe schützt ja auch, und ich will die Leute animieren, selbst loszugehen und Bäume zu bemalen und über Umweltschutz und Baumsterben ins Grübeln zu kommen.“

Mit Nachahmern hapert's noch ein bißchen, doch der gelernte Chemielaborant hat noch eine Neujahrsnummer auf Lager: Er nutzt die Reste des weihnachtlichen Konsumrauschs und verhilft den kahlen Laubbäumen mit ausgedientem Tannengrün zum frischen Aussehen. Ein beherzter Wurf, und der alte Tannenbaum landet in der Baumkrone und hakt sich dort auch meist fest. „Die Stadtreinigung spekuliert darauf, daß die sich da vielleicht bis zum Frühjahr halten“, meint Rainer. Klar, das reicht, dann hilft ja auch schon die Natur wieder nach. Der Aktionist freut sich über die gute Zusammenarbeit: „Hamburg ist toll. Bisher gab es kaum Ärger hier, aber jede Menge Platz, den man hier bemalen kann.“

Die Hansestadt ist eben nicht Neustadt an der Weinstraße, wo Rainer herkommt. Aber nicht bleiben wollte, denn für seine Mission muß Großstadt schon sein. Sein Traum für Hamburg: eine Riesen-Sechs an einer Häuserwand an der Hafenstraße. Nächste Woche geht's weiter: Berlin, Mainz, Marburg. Bald wird es in Deutschland von Sechsen wimmeln.

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