piwik no script img

Verliebterweise in Berlin untergetaucht

■ Das Jüdische Museum zeigt „Das kurze Leben der Felice Schragenheim“

Eine 80jährige Frau erinnert sich ihrer jüdische Geliebten, die deportiert und ermordet wurde. Die tragische Geschichte vom Liebespaar „Aimée und Jaguar“ wird zum Bestseller. Fette Buchstaben und grelle Farben schildern „Das kurze Leben der Jüdin Felice Schragenheim“ in einer Ausstellung, die zunächst im Jüdischen Museum und später in den Volkshochschulen zu sehen ist. 1922 kommt Felice als Tochter eines bekannten Berliner Zahnarztes zur Welt. Früh verliert sie die Eltern. Nach dem 30. Januar 1933 beginnt das „komplizierte Innenleben“, wie eine Tafel nonchalant betitelt ist. Juden wird der Schulbesuch verboten. Das Abgangszeugnis beurteilt Felice als „begabte und fleißige Schülerin“. Sie schreibt Gedichte im Masche-Kaléko-Ton und in ein Heft das Rezept für „Schweinebauch mit Mohrrüben“. Keine ungewöhnliche Lebensgeschichte also, die jedoch immer singulärer wird. Felice bekennt sich offen zu ihrer Homosexualität, verwirft die Idee zu emigrieren und taucht im Oktober 1942 in Berlin unter. Der Grund: ihre Liebe zu Lilly Wust, der verheirateten Frau eines an der Front stehenden Nazis, Mutter von vier Söhnen, in deren Wohnzimmer ein Bronzerelief des Führers hängt. Die beiden schweben im siebten Liebeshimmel, schreiben sich Schmachtbriefe und schließen einen „Ehevertrag“. Als Lilly, die glaubt, „Juden riechen zu können“, erfährt, daß Felice Jüdin ist, versichert sie ihr: „Jetzt erst recht.“ Die letzte sich bietende Fluchtmöglichkeit wird ausgeschlagen.

Der Sinn für die Gefahren geht allmählich verloren. Felice arbeitet gar bei der Berliner Redaktion einer Zeitung. An einem Augusttag 1944 unternehmen die beiden einen Badeausflug und fotografieren sich dabei heiter und unbekümmert. Am selben Abend wartet die Gestapo in Lillys Wohnung. Felice wird verhaftet. Im KZ Groß Rosen verliert sich ihre Spur. Für Lilly Wust hat diese Geschichte nie ein Ende gefunden, und deshalb findet auch diese Ausstellung kein rechtes Ende. Wir erfahren noch von Lillys weiterem Lebensweg, von ihren Bemühungen, Felices Schicksal aufzuklären, ihrer Trauer um die Geliebte, vom Bundesverdienstkreuz für die „unbesungene Heldin“, und sehen ein Foto vom Klingelschild „Wust- Schragenheim“.

„Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth“ hat die Schirmherrschaft übernommen. Hätte sie sich diese Ehrung doch besser aufgespart bis zu dem Tag, an dem eine lohnendere Ausstellung über „Lesbische Frauen in der Nazizeit“ gezeigt wird. Stephan Schurr

Bis 2.8., Di.–So. 10–20 Uhr. Jüdisches Musum im Martin-Gropius- Bau, Stresemannstraße 110. Am 25.7., 18 Uhr, hält Claudia Schoppmann den Vortrag „Lesbische Frauen in der Nazizeit“.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen