Verlängerung des Lockdowns: Der I-Wert

Der Bedarf an Intensivbetten steigt in Deutschland, der Lockdown wird wohl verlängert. Was Impfungen, Schulen und eine Virusmutation dazu beitragen.

Eine Pflegerin behandelt einen Patienten in einem Klinikbett

Stark belegt: Intensivstation einer Klinik in Kiel Foto: Frank Molter/dpa

BERLIN taz | Am Dienstag werden Bund und Länder aller Voraussicht nach den Lockdown über den 10. Januar hinaus verlängern. Unklar ist, für wie lange. Mehrere Ministerpräsidenten äußerten sich am Wochenende entsprechend.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hält sogar eine Verschärfung der Corona-Regeln in dem Bundesland für nötig. Er habe dem Kabinett vorgeschlagen, nach dem Beispiel von Sachsen den Bewegungsradius der Menschen im Freistaat auf 15 Kilometer im Umkreis ihres Wohnortes zu beschränken, sagte Ramelow am Sonntag in Erfurt. Entscheidungen werde das Thüringer Kabinett am Dienstag nach den Bund-Länder-Gesprächen fällen.

Kein Wunder: Die Lage in den Krankenhäusern hat sich bisher, trotz aller Beschränkungen, nicht verbessert, sondern verschärft. Seit Beginn der zweiten Welle steigt die Zahl der Covid-Patient*innen auf den Intensivstationen kontinuierlich auf derzeit knapp über 5.700 an. Von den rund 11.700 High-Care-Intensivbetten, auf denen schwer Kranke invasiv beatmet werden können, sind noch 3.300 frei.

Täglich werden mehr Patient*innen neu in den Intensivstationen aufgenommen als Behandlungen beendet werden. Von den beendeten Intensivbehandlungen entfielen laut Robert Koch-Institut am 2. Januar 35 Prozent auf an Covid-19 Verstorbene.

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Entscheidend ist dabei nicht die absolute Zahl, sondern der Trend: Bisher flacht die Kurve der belegten Intensivbetten nicht ab, die Kliniken füllen sich zusehends. Entsprechend forderten mehrere Ärztevertreter*innen am Wochenende, die Kontaktbeschränkungen zu verlängern.

Keinerlei Entwarnung gibt es auch bei Neuinfektionen und Todesfällen: Zwar flachte die Kurve über Weihnachten und Neujahr sichtlich ab, doch die Zahlen sind nicht aussagekräftig, weil viele Daten über die Feiertage nicht übermittelt werden.

So sind derzeit im 7-Tages-Schnitt in Deutschland 141 Infizierte pro 100.000 Einwohner*innen gemeldet, vor Weihnachten waren es fast 200 – auch hier ist die vermeintliche Entspannung laut RKI wahrscheinlich auf eine Datenlücke zurückzuführen. Bund und Länder wollen diesen Wert mit ihren Maßnahmen wieder auf unter 50 drücken. Wie die Lage tatsächlich ist und ob Besuche zwischen Weihnachten und Neujahr zur mehr Infektionen geführt haben, wird sich also erst ab kommender Woche zeigen. Über die Feiertage jedenfalls sind vielerorts Wintersportler*innen zum Rodeln oder Skifahren an Ausflugsorte gepilgert. So etwa im sauerländischen Winterberg, wo wegen des hohen Andrangs mittlerweile Straßen gesperrt wurden und die Polizei Dutzende von Verstößen festgestellt hat.

Keine Entwarnung an Schulen

Wahrscheinlich wird es auch weiterhin Schul- und Kitaschließungen geben. Denn an der grundsätzlichen Einschätzung der Wissenschaft über das Infektionsgeschehen dort hat sich nichts geändert. So hat sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina im Dezember klar für einen Schließung der Schulen eingesetzt. „Man sieht durchaus, dass es ein erhebliches Infektionsgeschehen in Schulen gibt. Das muss man einfach langsam mal anerkennen“, sagte der Virologe Christan Drosten im Dezember. Zwar gebe es keinen exponentiellen Anstieg der Infektionen dort, wohl aber einen linearen.

Doch nach wie vor gibt es in Deutschland kaum systematische Studien dazu, wie viele Menschen sich in Schulen und Kitas anstecken. Das RKI erfasst zwar Daten darüber, doch die gelten als lückenhaft, weil gerade unter jungen Menschen Covid-19 oft fast ohne Symptome verläuft und deshalb Infektionen übersehen werden können.

Einfluss der Mutation
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Die gute Nachricht ist, dass sich eine beunruhigende Meldung aus Großbritannien offenbar nicht bestätigt: Dort hatte eine Intensivpflegerin in einem BBC-Radiointerview von einem beängstigenden Anstieg von schweren Covid-Verläufen bei Kindern und jungen Erwachsenen berichtet, hervorgerufen möglicherweise durch die neue Coronavirusmutation, die seit einigen Wochen in Großbritannien grassiert. Die BBC selbst recherchierte an mehreren britischen Kinderkliniken nach, alle gaben Entwarnung: Junge Menschen würden nicht vermehrt erkranken.

Das deckt sich auch mit einer Studie einer britischen Forschungsgruppe, die allerdings noch keiner unabhängigen Prüfung unterzogen wurde: Demnach ist die Mutation zwar um 50 Prozent ansteckender, verursache aber nicht häufiger schwere Verläufe von Covid-19. Dennoch sei wegen der höheren Ansteckungsgefahr mit einem starken Anstieg von Fallzahlen und Opfern zu rechnen. Großbritannien kündigte deshalb am Sonntag eine Verschärfung des Lockdowns an – in Deutschland ist die neue Virusvariante bisher nur in Einzelfällen aufgetreten.

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

▶ Alle Grafiken

Und der Impfstoff?

Bislang sind in Deutschland 1,3 Millionen Impfdosen des Wirkstoffs von Biontech und Pfizer ausgeliefert worden, bis Ende Januar sollen weitere 2,68 Millionen Dosen hinzukommen. Bis Samstag hatten rund 188.500 Menschen ihre erste von zwei Dosen erhalten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprach im TV-Sender RTL, bis Ende des Monats seien alle Bewohner*innen von Pflegeheimen geimpft. Das heißt: Aktuell entlastet der Impfstoff die Situation in Deutschland noch nicht.

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