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Verhältnis zur NachbarschaftKultur zeigt sich auch im Treppenhaus

In Deutschland bleibt ein „Hallo“ schon mal unerwidert. In Syrien ist so etwas undenkbar. Das mit kulturellen Unterschieden zu erklären, ist zu bequem.

I ch komme mit meiner Tochter in die Turnhalle. Draußen regnet es, drinnen rennen Kinder herum, Eltern sitzen auf Bänken. Manche Gesichter kenne ich inzwischen. Nicht ihre Namen, aber ihre Gesichter. Wir sehen uns regelmäßig. Ich komme rein und sage: „Hallo.“

Keine Antwort. Vier Menschen sitzen da. Niemand reagiert. Und dann beginnt eine bekannte kleine Diskussion in meinem Kopf: Haben sie mich vielleicht nicht gehört? War meine Stimme zu leise? Soll ich noch einmal Hallo sagen? Oder lasse ich es beim nächsten Mal einfach?

Genau das nervt mich fast mehr als die fehlende Antwort selbst. Dass ich plötzlich darüber nachdenken muss, ob Begrüßen hier überhaupt erwünscht ist.

Ich bin in Syrien mit einer anderen Vorstellung vom Begrüßen aufgewachsen. Man sagt Salam. Auch zu Menschen, die man nicht gut kennt. Erst recht, wenn man sich regelmäßig begegnet. Salam heißt nicht: Wir sind jetzt Freunde. Es heißt auch nicht: Wir müssen miteinander reden. Es bedeutet nur: Ich sehe dich. Du bist da. Ich bin auch da.

Lange habe ich gedacht: Das ist eben ein kultureller Unterschied. Syrien so, Deutschland anders. Aber inzwischen finde ich diese Erklärung zu bequem.

Menschen mit Migrationsgeschichte hören oft, sie müssten die deutsche Kultur kennenlernen, verstehen und sich anpassen. Aber welche genau?

Denn was soll eigentlich „deutsche Kultur“ sein? Menschen mit Migrationsgeschichte hören oft, sie müssten die deutsche Kultur kennenlernen, verstehen und sich anpassen. Aber welche genau? Die Kultur eines Dorfes, in dem sich fast alle grüßen? Die einer Großstadt, in der Menschen jahrelang Tür an Tür wohnen und sich kaum kennen? Die Kultur unserer Eltern? Die heutige? Die der Schule, des Arbeitsplatzes oder des eigenen Viertels?

Vielleicht gibt es diese eine deutsche Alltagskultur gar nicht. Und vielleicht ist das auch gar nicht das Problem. Mich interessiert vielmehr, welche Kultur wir heute miteinander entwickeln wollen.

Denn Gesellschaft besteht nicht nur aus Gesetzen, politischen Debatten, Feiertagen und großen Fragen der Identität. Kultur zeigt sich auch im Treppenhaus. Auf dem Spielplatz. Vor der Schule. Im Bus. In der Turnhalle. Sie zeigt sich darin, ob man den Menschen grüßt, den man jede Woche sieht.

Möglicherweise hat sich unser Verhältnis zur Nachbarschaft verändert. Wir leben stärker individualisiert, verbringen viel Zeit online, organisieren unser Leben anders als frühere Generationen. Das hat viele Vorteile. Aber gleichzeitig können wir in einer Stadt von sehr vielen Menschen umgeben sein und trotzdem fast niemanden kennen.

Wer ist eigentlich ein Nachbar?

Wir sollten vielleicht auch neu darüber nachdenken, wer eigentlich ein Nachbar ist. Für mich ist das nicht nur die Person hinter der nächsten Wohnungstür. Auch die Menschen aus meiner Straße können Nachbarn sein. Die Eltern, die ich jeden Dienstag in der Turnhalle sehe. Der Mann aus dem Kiosk. Die Frau, die jeden Morgen mit ihrem Hund an mir vorbeiläuft. Menschen, deren Namen ich nicht kenne, deren Gesichter aber Teil meines Alltags sind.

Niemand muss diese Menschen zum Kaffee einladen. Niemand muss ständig reden. Ich will auch nicht aus jeder zufälligen Begegnung eine Gemeinschaftsveranstaltung machen. Aber vielleicht braucht eine Stadt eine minimale Kultur des Miteinanders. Ein Hallo, Moin, Grüße dich, vielleicht auch Salam, ein Nicken. Ein kurzer Blick. Die kleine Botschaft: Ich nehme wahr, dass du da bist.

Und ja, inzwischen frage ich mich manchmal, ob ich beim nächsten Mal überhaupt noch grüßen soll. Wenn ich sowieso keine Antwort erwarte, warum dann immer wieder? Dann denke ich: Nein. Genau das möchte ich nicht verlernen.

Ich möchte nicht anfangen, Menschen absichtlich zu ignorieren, nur weil ich mich an eine Situation gewöhnt habe, in der niemand antwortet. Und vielleicht schreibe ich auch deshalb darüber.

Nicht um zu behaupten, dass Syrer besser grüßen oder Deutsche unfreundlich sind. Sondern weil mich interessiert, was andere erleben. Ist das eine Großstadtsache? Eine Generationenfrage? Hat sich Nachbarschaft verändert? Oder bin ich einfach mit einer anderen Vorstellung davon aufgewachsen, wie viel Aufmerksamkeit man Menschen schuldet, die einem regelmäßig begegnen?

Vielleicht sollten wir über solche kleinen kulturellen Regeln viel öfter sprechen. Denn vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht erst bei den großen Debatten.

Er beginnt schon in einer Turnhalle. Jemand kommt rein und sagt: „Hallo.“ Und jemand anderes entscheidet, ob er antwortet.

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1 Kommentar

  • rero

    Stimmt, man sollte über kleine kulturelle Regeln miteinander sprechen.

    Ich denke, es ist keine ethnokulturelle Sachen.

    Ich erlebe es immer wieder, dass ich in türkischen oder arabischen Geschäften nicht gegrüßt werde, kein Bitte oder Danke höre. Ich komme mir dann vor wie ein Alleinunterhalter. Die nach mir reinkommenden Kunden gleicher Herkunft werden ggf, sehr freundlich begrüßt.

    Natürlich gehe da nicht mehr sehr häufig hin.

    Wer hat schon Lust, sich als Kunde zweiter Klasse zu fühlen.

    Zum Glück kenne ich genügend andere türkische und arabische Geschäfte, wo ich mich als Kunde wohlfühle.

    Ich tippe darauf, es hat etwas damit zu tun, wie man sich mit den anderen in einer Gemeinschaft sieht.

    Und das nimmt ab.

    Ich kenne es vom Dorf so, dass Kinder dort darauf gedrillt werden, jeden Erwachsenen zuerst zu grüßen.



    Auch wenn er ihn nicht kennt.

    In der Großstadt hat das rapide abgenommen.

    Die Entfremdung wird immer größer.

    Ich grüße auch ohne Antwort in manchen Situationen, weil ich sie sonst als peinlich empfinde.

    Hat den Effekt, dass die Leute auch irgendwann anfangen.

    Eigentlich schätzen sie das Gesehenwerden, das merkt man dann.

    Durchhalten macht hier die Welt besser.