: Vergrabenes Geschichtsfeld
■ Wo das Stadtbild zu wünschen übrigläßt (9): Einstiger Friedhof der jüdischen Gemeinde in der Spandauer Vorstadt ist heute ein versunkenes Grab
Mitte. Zu dem spezifisch deutschen Umgang mit Geschichte zählt, daß die historischen Ablagerungen erst nach ihrer musealen Konservierung wahrgenommen werden. Nur steril wie im Lehrbuch ist Vergangenheit gut aufgehoben. Gibt es bedeutende Plätze, wo Geschichte in den Alltag unserer Stadt eindringt, wird ihr nicht soviel geputzter Raum gegeben — besonders wenn es sich um Orte ehemaligen jüdischen Lebens handelt. Eher wird das Geschichtsfeld vergraben.
Der älteste Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die die Begräbnisstätte in den Jahren 1672 bis 1827 an der Großen Hamburger Straße im heutigen Bezirk Mitte nutzte, ist ein solcher Stadtraum, wo die Rückbildung zur Vegetation ganz locker hingenommen wird. Die sichtbaren Spuren des Friedhofs, der 1943 auf Befehl der Gestapo verwüstet wurde, sind so rudimentär, daß sie zur Groteske verkommen. In dem winzigen Hinterhof zwischen den steilen Brandmauern fehlen alle Grabmonumente. Zwei kleine Trümmerhaufen an der Hauswand müssen statt dessen die Rollen einstiger Gräber spielen. Drei, vier Bäume markieren innerstädtisches Grün. Eine antifaschistische Gedenktafel gibt zu bedenken, daß 1945 deutsche Kriegsopfer hier bestattet wurden.
Seltsam allein steht ein Grabstein, der sich mitten auf den leeren Innenhof verirrte: Moses Mendelssohn, geboren zu Dessau 1729, gestorben zu Berlin 1786. Vorhang. Dem Philosophen und Lehrer sowie Freund Gottfried Ephraim Lessings hat man nach Vernichtung, Kriegsschäden und gewolltem Verfall ein graues, kulissenhaftes Grab inszeniert; ein Schatten seiner selbst, garniert mit ein paar Platten.
Der einstige Friedhof wird heute als winziger Park genutzt, der vorzugsweise den Hunden zum Auslauf dient. Eine Insel der Leere im Stadtraum der Spandauer Vorstadt mit ein paar unbequemen Bänken und grünen Bäumen. Eine harmonische Idylle indessen verkörpert er nicht, weil der versunkene Friedhof mit einem Grabstein keine wirkliche Ruhe findet. Er wird weiter verschüttet, bleibt totgeschwiegen. Nicht daß es mich zu monumentaler Todesarchitektur, dunklen Grufteingängen oder restaurierten Unterwelten drängte. Solcherlei Erinnerung verbraucht die Trauerarbeit, die dem Friedhof eine Identität zur Besinnung zurückgeben könnte, sollte er vor dem Lärm der Straße ebenso wie vor der Niederträchtigkeit der Hundehalter geschützt werden.
Welchen modernen Erinnerungscharakter der friedliche Garten annehmen könnte — um nicht zurückzufallen in eine hermetisch abgeschlossene Grabesruhe —, soll ein Vergleich mit dem dem Park gegenüber entstandenen Konzept »The Missing House« des französischen Künstlers Christian Boltanski zeigen.
In der von einer Sprengbombe gerissenen Hauslücke befestigte Boltanski in der Höhe der einstigen Etagen große schreiende Schriftbilder mit Namen, Berufen und der Wohndauer der »späteren« Mieter: »W. Paschke, Hilfspolizist, 1940-45« — ein Minimalismus mit großer Aussagekraft. Erinnerungsarbeit. Rolf R. Lautenschläger
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